Wie kann Schule mit Terrorismus bzw. extremer Gewalt in den Medien umgehen?

candle-1750640_1920Beim einem grauenhaften Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, am 15.03.2019 kamen mindestens 50 Menschen ums Leben. Es war das schwerste Verbrechen in diesem Land seit 1943. Der Täter, ein aus Australien stammender Rechtsextremist, filmte seine Tat mithilfe einer Action-Cam und stellte das Video auf verschiedenen Plattformen online. Dazu veröffentlichte er ein 74-seitiges Manifest, das er auch an offizielle Stellen schickte.

Die großen Internetfirmen sperrten bzw. löschten Film und Dokument relativ schnell, doch die Verbreitung konnte dadurch natürlich nicht mehr verhindert werden. Nur wenige Tage später wurde beispielsweise ein WhatsApp-Video unter Schülerinnen und Schülern geteilt, das Teile des Täter-Videos zeigte. Hier wurde eine neue Qualität deutlich: Musste man bisher noch aktiv werden, wollte man reale, politisch motivierte Gewaltvideos zu sehen bekommen (bspw. die Enthauptungsvideos des IS), konnte diese also auch vermeiden, so wurde hier extreme, schockierende Gewalt direkt „frei Haus“ geliefert, mit teilweise sicherlich dramatischen Folgen für Kinder und Jugendliche, die diese Bilder nur schwer verarbeiten können.

Wie sollte also Schule mit einer solchen Herausforderung umgehen? Ich denke, dass die gesamte Gesellschaft hier gefragt ist, und die Schule als Sozialisationsinstanz im Besonderen.

  1. Reden, reden, reden: Schülerinnen und Schüler, die ungewollt (oder selbst gewählt) mit solchen Bildern konfrontiert werden, müssen aufgefangen werden, damit sie das Gesehene verarbeiten können.
  2. Die Opfer in den Blick nehmen: Man kann an der Schule eine Schweigeminute organisieren, eine kleine Gedenkveranstaltung abhalten, bei der die Biografien einiger Opfer vorgelesen werden (Emma Gonzalez vom March for Our Lives tat dies in ihrer bekannten Rede ebenfalls, die Stolpersteine haben eine vergleichbare Grundidee).
  3. Menschliche Größe in den Fokus rücken, wie in diesem Beispiel den Mann, der dem Täter vergibt, obwohl dieser seine Frau getötet hat.
  4. Dem Täter keine Plattform bieten: Man könnte mit der Klasse diskutieren, ob es eine gute Idee ist, wie von der neuseeländischen Premierministerin Ardern vorgeschlagen, den Namen des Täters nicht zu nennen, damit er wenigstens das Ziel einer zweifelhaften Berühmtheit nicht erreicht. Dies ist aber durchaus diskussionswürdig. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung war der Ansicht, dass man die Verbreitung nicht den sozialen Netzwerken überlassen dürfe. Hier sagen bspw.  die Journalisten Christian Füller oder Mario Sixtus m. E. zurecht, dass es da keine Debatte gibt, wenn man Punkt 5 berücksichtigt.
  5. Das Wesen des Terrorismus erläutern: Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist das Thema Terrorismus und die Rolle der Medien dabei sicherlich Schwerpunktthema im Politikunterricht der verschiedenen Bundesländer. Dennoch überrascht es, dass sowohl Massenmedien als auch der einzelne Social Media Nutzer diesen Mechanismen immer wieder auf den Leim gehen und so die Ziele des Terrorismus befördern, hier im konkreten Fall eben die Schülerinnen und Schüler, die aus natürlich altersbedingter Lust an der Grenzüberschreitung zu Handlangern der Terroristen werden. Hier findet sich z. B. recht brauchbares Material dafür.
  6. Rechtliche Grenzen aufzeigen und selbst setzen: Natürlich muss eine Schule über rechtliche Grenzen aufklären, indem sie vermittelt, dass die Verbreitung von solchem Material strafrechtlich relevant sein kann und im Zweifel auch zur Anzeige gebracht wird. Die Schule muss aber auch selbst disziplinarisch tätig werden und über Sanktionen klare Standards setzen. Es geht einfach gar nicht, dass solch grauenhaftes und menschenverachtendes Material weiter verbreitet wird. Meist erfährt man als Lehrer oder Lehrerin davon nur über Umwege, umso wichtiger ist es dann umgehend zu handeln
  7. Die Eltern mit ins Boot holen: Die Eltern sind einer dieser Umwege (aber auch das nicht-lehrende Personal an der Schule, das oft mehr erfährt). Das gemeinsame Handeln von Eltern und Schule macht die Ernsthaftigkeit der Grenzüberschreitung deutlich und ist hier unbedingt notwendig. Darüber hinaus erfreuen sich Eltern sicherlich auch noch an kleinen Hilfen wie diesen, wenn es um die Verarbeitung des Gesehenen geht.

Ich bin dafür kritisiert worden, dass ich diesen Fall für eine „interessante medienethische Frage“ halte, und ich gebe zu, dass diese Formulierung in der Kürze missverständlich sein kann. Es ging mir nicht um diese Nicht-Debatte über die Verbreitung des Videos, sondern um die Frage der Stärkung des ethischen Kompasses des Mediums „Schüler bzw. Schülerin“, oder allgemeiner, der Bürgerinnen und Bürger als Medienhandelnde in Social Media. Und da haben wir noch Arbeit vor uns, in der Schule wie in der Gesellschaft.

 

 

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