Was zeitgemäße Bildung verhindert

Gestern entbrannte eine heftige Datenschutz-Debatte bei Twitter, ausgelöst von einer Sendung bei Deutschlandfunk Kultur zur Frage „Facebook und Co: Wie können wir unsere Daten besser schützen?“ Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer meldeten sich beim Sender, auch ich, und zwar mit der gegenteiligen Perspektive, dass nämlich zu viel Datenschutz verhindern kann, dass wir in Bildungskontexten ein Bewusstsein für das Thema entwickeln.

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Jan Hambsch hat das Dilemma im Laufe der Debatte bei Twitter dann an einem Beispiel sehr anschaulich beschrieben. Danke dafür!

Leider wird man als Kritiker an der aktuell geltenden Form des Datenschutzes (vor allem in seiner Komplexität und Intransparenz für im Bildungssystem Handelnde) schnell in die Ecke gestellt, keinen Datenschutz zu wollen. Das ist nicht der Fall, aber man muss ansprechen können, dass eine riesige Lücke zwischen Rechtsrahmen und gelebter Praxis bzw. auch den Anforderungen laut Bildungsplan bzw. KMK-Vorgaben besteht – und zwar in der Schule eigentlich schon länger. Das betrifft Filmvorführungen, Kopien, Einsatz von Bildern uvm. Dieses Problem wird in der Digitalisierung potenziert.

Peter Schaar von der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz antwortete, dass das Problem nicht im Datenschutz liege, sondern in der fehlenden Unterstützung der Schulen zum Thema, womit er auch Recht hat. Wenn allerdings Regelungen so komplex sind, dass sie nicht mehr verständlich sind, dann werden die Regeln selbst auch zum Problem, weil die Umsetzung im Alltag misslingen wird. Axel Krommer wies darauf hin. Wenn gebetsmühlenartig darauf verwiesen wird, dass es doch ein ganzes Jahr Vorlauf zur DSGVo gab, dann frage ich mich, warum immer noch keine verständlichen Informationen für Schulen vorliegen. Hier sind Kultusministerien und Datenschutzbehörden in der Pflicht.

Gleichzeitig bedeutet die Debatte über Datenschutz nicht, dass es nicht andere Hinderungsgründe für Zeitgemäße Bildung gibt, die eindeutig weiter oben in der Hierarchie der Herausforderungen stehen:

  1. Haltung der Lehrerinnen und Lehrer:  Wenn man der Ansicht ist, dass die aktuell vorherrschende Form der „Unterrichtung“ Kinder und Jugendliche auf eine sich radikal ändernde Welt vorbereitet, dann wird sich kein zeitgemäßes Lernen entwickeln.
  2. Zusammenarbeit: Gelungene Schulentwicklungsprozesse mit Kolleginnen und Kollegen, Eltern und Schülerinnen und Schülern, um gemeinsam Veränderungen anzustoßen.
  3. Ausstattung: Der Digitalpakt für Deutschland hängt seit 2016 in der Luft, ist jetzt immerhin am Horizont zu sehen, auch wenn die Finanzierung von Geräten der Schülerinnen und Schüler damit immer noch nicht gesichert ist.
  4. Prüfungsformate: Es ist absurd, dass das Internet im ganzen Leben zur Verfügung steht, die Prüfung sich vom „Real Life“ allerdings immer weiter entfernt und immer künstlicher wird, indem der Zugriff auf das geballte Wissen der Welt verboten wird und die Filter und Recherchekompetenz der Schülerinnen und Schüler dadurch auch nicht im Unterricht ausgebildet wird.

(Diese Liste ist alles andere als vollständig, mir geht es um die Einordnung der Datenschutzdebatte.)

 

Ansätze der Auflösung des Dilemmas zwischen Datenschutz und zeitgemäßer Bildung bedeuten zunächst nur, dass man denen, die sich für Innovation im Bildungssystem einsetzen, die Möglichkeit dazu nicht nimmt, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

 

Was mir als Lehrer wichtig ist (April 2018)

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Über die letzten 10 Jahre haben sich einige Prinzipien herausgebildet, die mir wichtig sind. Ich bin Lehrer, weil ich Schülerinnen und Schüler befähigen möchte, selbstständig Entscheidungen für ihr Leben zu treffen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen (auch im Sinne der Gestaltung der Gesellschaft). Ich möchte Lust machen auf die lebenslange Neugier, genannt das Lernen. Ich versuche möglichst oft aus diesen Floskeln Konkretes werden zu lassen.

(Diese Liste ist unsortiert, offen und wird bestimmt regelmäßig aktualisiert)

  1. Als Lehrer bin ich Vorbild für meine Zielsetzungen: Ich bin neugierig, gehe offen mit Nicht-Wissen um, gestehe Fehler ein, hole mir Feedback und hinterfrage mich selbst. Ich versuche, diese Entwicklungsbereitschaft in jede Stunde einfließen zu lassen. Es gelingt nicht immer.
  2. Fehler sind Lernanlässe: Es wird nicht akzeptiert, dass über Fehler der Mitschülerinnen und Mitschüler gelacht wird. Manchmal danke ich für bestimmte Fehler.
  3. Im Klassenzimmer herrscht eine konstruktive Feedbackkultur. Jede Leistung (auch meine eigene) muss sich einem kritisch-konstruktiven Feedback stellen, wobei die „Schatzsuche“ nach guten Aspekten immer am Beginn steht und die Kritik nur in Form von konkreten Verbesserungsvorschlägen geäußert wird.
  4. Unterrichtsplanung muss aus der Schülerperspektive erfolgen: Hätte ich als Schüler oder Schülerin selbst Lust darauf? Was würde mir daran Freude bereiten? Warum genau muss ich Notwendiges (und damit ggf. Langweiliges) machen? Was ist der Nutzen? Was hat der Inhalt mit meinem Leben zu tun?
  5. Jede Stunde muss sich der „so what?“-Frage stellen: Was soll das Ganze? Wofür ist das wichtig? Der Verweis auf den Bildungsplan reicht nicht.
  6. Beteiligung der Schülerinnen und Schüler bei der Themen- und ggf. sogar Methodenwahl ist unerlässlich. Das motiviert und ist gelebte Demokratie.
  7. Der Unterricht kann daher auch nicht Wochen im Voraus geplant werden, weil ich (noch) nicht weiß, wo wir vertiefen bzw. was noch gelernt werden muss und will.
  8. Der Bildungsplan ist wichtig und interpretierbar.
  9. Projekt- und produktbezogener Unterricht kann Kräfte in Schülerinnen und Schülern freisetzen, die jedes Mal begeistern.
  10. Die Leistungsbewertung ist nicht alleine Sache des Lehrers bzw. der Lehrerin: Es braucht immer eine Form der kriteriengestützten Selbstreflexion. Das Eigenurteil der Schülerinnen und Schüler hat eine Bedeutung und ist Teil der Besprechung der Noten.
  11. Zur Leistungsbewertung wird nicht allein das Ergebnis herangezogen, sondern ebenso (wo möglich) der Prozess dorthin.
  12. Wenn ich Schülerinnen und Schüler ernst nehme, dann vertraue ich ihnen: Sie brauchen daher nicht zu fragen, ob sie aufs Klo gehen dürfen; wenn sie zu spät kommen, gehe ich davon aus, dass sie einen guten Grund haben (den sie mir gerne am Ende der Stunde nennen dürfen, wenn sie das Bedürfnis haben).
  13. Wer die Hausaufgaben nicht hat, hat die Entscheidung für etwas anderes getroffen. Das ist grundsätzlich in Ordnung und hat keine disziplinarischen Folgen (allerdings ggf. sehr wohl für die kommende Klausur, weil die Übung fehlt). In der Zeit der Hausaufgabenbesprechung profitiert der- oder diejenige nicht von der Arbeit, verlässt das Klassenzimmer und holt die Arbeit dort nach und kann die Ergebnisse später vergleichen.
  14. Ich setze Signale, dass sich Anstrengung lohnt: Der Notenschnitt einer Arbeit wird grundsätzlich zweimal an die Tafel geschrieben; der Schnitt derjenigen, die freiwillig einen Text eingereicht haben oder sich anderweitig Feedback geholt haben, und der Schnitt der anderen.
  15. Ich bin grundsätzlich gut über verschiedene Kanäle erreichbar und helfe gerne. Am Wochenende und über manche Ferien habe ich auch einmal Kontaktpause. Auch das sollen Schülerinnen und Schüler lernen und für sich adaptieren.
  16. Ohne ein grundlegendes Verständnis über den Digitalisierungsprozess kann ich heutzutage nicht Gesellschaft verstehen und gestalten. Daher kommt dieser Themenkomplex in seinen Facetten häufig als Beispiel vor. Bis zu welchem Grad Programmierkenntnisse Voraussetzung dafür sind, darüber bin ich mir noch unschlüssig.
  17. Ich bin mir bewusst, dass sich meine Rolle als Lehrer derzeit radikal ändert: Vom Wissensvermittler hin zum Lerncoach, Vorbild als Lerner und Organisator von selbstbestimmten Lernprozessen. Als reinen „Lernbegleiter“ sehe ich mich derzeit nicht, dieses Bild vom Lehrer ist mir zu passiv.
  18. Ich bin überzeugt, dass Wissen als Orientierungswissen weiter eine große Rolle spielt, um selbstständig weiter zu lernen. Z. B. sind Fake News ohne Wissen gar nicht identifizierbar; ich fange gar nicht erst an zu recherchieren, wenn mir nichts komisch vorkommt.
  19. Schule ist zu oft defizitorientiert. Ich korrigiere immer auch in grün, um Positives hervorzuheben. Unsere Schülerinnen und Schüler können so viel; dies zu sehen stärkt sie.

(to be continued)