Forum Digitalisierung der ELK-WUE: Die „Guten“ fangen an, das Internet zu nutzen

Forum Digitalisierung der ELK-WUE: Die „Guten“ fangen an, das Internet zu nutzen

 

 

 

 

 

Vor kurzem schrieb Jan Böhmermann folgenden Tweet:

Bildschirmfoto 2020-03-02 um 16.45.50.png

 

Diesen Tweet könnte man passend zur Veranstaltung „Forum Digitalisierung“ der Evang. Landeskirche Württemberg (#elkwuedigital) erweitern:

„Die Feinde gesellschaftlicher Werte wie Toleranz, Zusammenhalt und Nächstenliebe nutzen das Internet, die (institutionellen) Vertreter ebendieser Werte noch nicht.“

Vor diesem Hintergrund war das „Forum Digitalisierung“ der Evangelischen Landeskirche mit den Keynote-Speakern Dirk von Gehlen von der SZ (Buch: Das Pragmatismusprinzip) und Peter Schreiner, dem Leiter des Comenius-Instituts, eine Veranstaltung, die Hoffnung macht(e).

Endlich wird die Digitalisierung in Kirchenkreisen nicht mehr nur unter dem Aspekt der Gefahren und Probleme diskutiert. Bisher waren Veranstaltungen dieser Art tendenziell eine Ansammlung von Menschen, die beklagen, dass bestimmte Werte in der Gesellschaft verloren gingen und die Kirchen einen Bedeutungsverlust erlitten.

Dirk von Gehlen fragte dann auch anschaulich am Beispiel der deutschen Autoindustrie, die verpasst habe, dass ihr Bereich sich nun hauptsächlich um Software dreht (am Beispiel des Software-Problems „Dieselskandal“), was die „Software“ der Kirchen sei. Dieser Aufruf wurde dankend aufgenommen.  Auch Peter Schreiner, Leiter des Comenius-Instituts in Münster, rief dazu auf, die positiven Werte der Digitalisierung wahrzunehmen und gestalten zu wollen.

Sichtbar wurde dies bereits an Verfahren und Methoden (wie z. B. Ethical Design Sprints), aber auch an grundsätzlichen Haltungsfragen. Schulen – und Bildungsinstitutionen insgesamt – werden mehr und mehr als Transmissionsriemen in Fragen der Gestaltung von Gesellschaft wahrgenommen, nicht nur als Empfänger vorgegebener (und teils nicht ausdiskutierter!) gesellschaftlicher Erwartungen. Dirk von Gehlen wies darauf hin, dass Fake News hauptsächlich von Männern über 60 verbreitet würden, die man über Bildungsprozesse nicht mehr erreicht. Es muss also weit vorher die Konfrontation mit anderen Perspektiven als grundlegende Aufgabe von Schule und Gesellschaft geschehen, gleichzeitig Ambiguitätstoleranz und der Umgang mit Graubereichen eingeübt werden. Zentrale Verhandlungszone sind die Bildungsinstitutionen.

Warum gelingt uns dies manchmal in Deutschland nicht so gut? Dirk von Gehlen meint, die aktuelle Nostalgie, die man vor allem in der Medienbranche spürt, rühre daher, dass man in den 90ern noch Geld verdient habe, und sich die Rahmenbedingungen nun grundlegend geändert hätten. Man sei vielleicht im Westen insgesamt zu satt geworden. Übertragen auf den Bildungsbereich geht es sicherlich vielen Lehrerinnen und Lehrern ebenso, dass ihre Kompetenzen gefühlt entwertet werden, und von ihnen eine Reaktion auf den Leitmedien- und damit auch Paradigmenwechsel erwartet wird.

Es bleibt sicherlich die Aufgabe, Menschen in Bildungsinstitutionen zu stärken, Ihnen zu verdeutlichen, dass Ihre Perspektiven sehr wertvoll für auch grundlegend veränderte Lernsettings sein können und auch sein werden. Und dass es gleichzeitig notwendig ist, dass man sich bewegt, damit Schule und auch bestimmte gesellschaftliche Werte, die uns gemeinsam wichtig sind (oder sein sollten?) nicht an Relevanz verlieren.

Packen wir’s an.

Hier geht es übrigens noch zum offiziellen Bericht. Angeblich soll die Vorträge dann in Kürze auch noch als Video geben. Es lohnt sich.

 

Jöran ruft an – Weiterführende Informationen

Friedemann Stöffler und ich waren zu Gast beim Podcast-Format „Jöran ruft an“. Die letzte Frage war: „Wo findet man weiterführende Informationen zum Thema?“

Hier ein paar Vorschläge:

Technik im Klassenzimmer: Warum ich wieder unsicher bin

Technik im Klassenzimmer: Warum ich wieder unsicher bin

Wie bereits angekündigt folgt hier ein kurzer Blogbeitrag dazu, warum ich wieder zweifle, was die aktuell angemessene technische Ausstattung ist. Als Antworten auf diesen Tweet unten kamen Bestätigungen, aber es bestätigten sich für mich auch alle Befürchtungen in Bezug auf diese Frage. Warum, versuche ich hier zu erläutern.

 

Was mir klar ist

Am Anfang steht die Frage, wie Unterricht – oder besser: das Lernen – sich weiterentwickeln (soll). Alle technischen Entscheidungen könnten auf dieser Frage basieren. Aber einfache, funktionierende Lösungen ermöglichen auch neues Denken. Es gibt aber auch einige Basics, wenn man es mit der Weiterentwicklung ernst meint:

  1. W-Lan
  2. Eine Projektionsfläche
  3.  Eine 1:1-Ausstattung bei Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern (keine „Utopie“-Rufe, bitte, ich sehe hier kurz- bis mittelfristig keinen Diskussionsbedarf mehr)
  4. Eine einfache Möglichkeit, Ergebnisse von den Einzelgeräten drahtlos zur Projektionsfläche zu schicken.
  5. Offenheit der Struktur: Nicht nur Apple, nicht nur Windows, nicht nur Android; alles muss möglich sein
  6. Interactive Whiteboards sind im Verhältnis zu teuer und zu unflexibel.
  7. Visualiser / Dokumentenkameras sind als Übergangstechnologie bald überflüssig.

 

Wo ich mir unsicher bin

  1. Sollten wir wirklich auf Lösungen mit großen (Touch-)Bildschirmen setzen, die seitliche Flügel zum spontanen Anschreiben haben? Keine der aktuellen Lösungen überzeugt mich hier, teilweise ist die Software elend langsam oder die drahtlose Verbindung zu den Geräten läuft nicht zuverlässig.
  2. Brauchen wir nicht vielmehr alles und immer? Große Whiteboard-Flächen, die man mit Stift beschreiben kann, eine Projektionsfläche (nicht notwendigerweise zentral), alles möglichst flexibel
  3. Haben Beamer wirklich ausgedient und werden jetzt durch Bildschirme ersetzt? Hat mal jemand die mittelfristigen Kosten berechnet?

 

Warum ich zweifle

Wir haben gerade in den Testräumen folgende Ausstattung:

  • Klassische Kreidetafel mit Flügeln
  • W-Lan
  • Beamer mit Stereoboxen und HDMI-Switch
  • Am HDMI-Switch: Laptop, Dokumentenkamera, Apple TV, Microsoft Wireless Adapter, alles fest montiert in/an einem kleinen Schränkchen
  • Projektionsfläche neben der Tafel, tendenziell zu klein
  • In den Projektklassen 1:1 Ausstattung der Schülerinnen und Schüler

Diese Installation ist sehr aufwändig, zudem stauben die Beamer durch Kreide im Laufe der Zeit zu. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Modell einfach genug ist („Was nicht einfach geht, geht einfach nicht“).

Wenn entweder Projektionsfläche oder Whiteboard (kein IWB) an die Seite wandern, hätten wir evtl. eine Struktur, die die Tendenz zur Frontalsitzordnung aufbricht und als Rahmen die Unterrichtsstruktur beeinflussen könnte.

Was meint Ihr?

 

 

 

 

 

 

Warum ich Schulentwickler bin: Persönliche Hintergründe zum Buch „Die agile Schule“

Warum ich Schulentwickler bin: Persönliche Hintergründe zum Buch „Die agile Schule“

Dieser Artikel ist ein sehr persönlicher Kommentar zu unserem gerade erschienenen Buch: Die agile Schule – 10 Leitprinzipien für Schulentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung.

 

 

 

Hier ist es bestellbar (aber natürlich auch über die üblichen Kanäle)
Inhaltsverzeichnis
Musterseite zum Leitprinzip: Alles Gute kommt von unten

 

Als ich nach dem Referendariat 2008 voller Tatendrang an das Evangelische Firstwald-Gymnasium in Mössingen wechselte – eine bewusste Entscheidung, angesichts der erlebten Offenheit im Bewerbungsgespräch und in der Gebäudegestaltung – fand ich Strukturen vor, die stark vom Schulleiter Helmut Dreher und vom Abteilungsleiter für Schulentwicklung, Friedemann Stöffler, geprägt waren: Irgendwie wirkten alle so motiviert und voller Tatendrang, so positiv und engagiert und es gab im Kollegium praktisch keine Grüppchenbildung. Wer etwas verbessern wollte, durfte fast immer einen Vorschlag machen oder die Optimierung selbst angehen. 

Besuch von der Schulpreiskommission
Lange Zeit verstand ich nicht, warum diese Grundhaltungen so ausgeprägt waren, auch noch nicht, als ich bereits nach 1,5 Jahren an dieser Schule in den Bereich „Schulentwicklung“ einstieg. Ich wurde zuvor gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich war so jung, dass ich den Gehaltssprung (auf A14), der mit dieser Aufgabe verbunden war, rechtlich noch nicht mitmachen konnte. Aber das war mir egal. Es schwante mir zum ersten Mal wohl im Rahmen des Bewerbungsprozesses zum Deutschen Schulpreis 2010, was an dieser Schule gut lief. Gegenüber der Kommission, die uns besuchte, formulierte ich dann auch: „Ich kann mich als junger Kollege hier jederzeit einbringen, Ideen werden wertgeschätzt und gefördert, und es wird darauf vertraut, dass es gelingen wird.“

Kollegialer, aktivierender Führungsstil
Im Laufe der Zeit wurde mir dann bewusst, dass die Art der Führung der Schule eine Schlüsselrolle spielt(e). Diese fußte auf Grundhaltungen, die vom Schulleiter zwar theologisch begründet wurden (Martin Buber: Ich und Du), aber genauso in der modernen Management-Theorie zur agilen Führung vorkommen würden. Gemeint sind die Orientierung am Menschen, die Begegnung auf Augenhöhe nicht nur als Worthülse, das geschenkte Vertrauen, die Bereitschaft zur Delegation auch sehr bedeutsamer Aufgaben, die Betonung der Gemeinsamkeit, die Offenheit für Neues, der Mut zum Risiko und zum Ausprobieren („Prototyping“) uvm.

Es gab und gibt ein Schulleitungsteam, das mit insgesamt sechs Personen für so eine kleine Schule vergleichsweise breit aufgestellt ist; und in diesem Team saßen auch der Abteilungsleiter für Schulentwicklung, Friedemann Stöffler, und später auch ich selbst in der gleichen Rolle.

Schulentwicklung lernen
Von 2009-2014 arbeiteten dann Friedemann und ich gemeinsam und dialogisch als Schulentwickler. Ich habe in dieser Zeit sehr viel lernen dürfen, denn 2010 folgte der Schulpreis für unsere Schule für eben diesen Bereich – Schulentwicklung – und plötzlich war unsere Schule im Fokus der Öffentlichkeit und der anderen Schulen; wir hatten Hospitantinnen und Hospitanten an unserer Schule und besuchten auch selbst regelmäßig andere Schulen für Entwicklungsideen. Andere Menschen sagten uns, was bei uns gut lief, und wir lernten unsererseits viele Schulen kennen.

Auch das Projekt Abitur im eigenen Takt stand sinnbildlich für die bereits erwähnten Haltungen: Man versucht aus Idealismus eine Reform des Bildungswesens auf höchster Ebene (KMK). Die Idee ist, dass Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, ob sie die Kursstufe in zwei oder drei Jahren absolvieren – und die Leistungen aus drei Jahren sollen dabei anerkannt werden können. Bis heute gibt es zwar einerseits keine offizielle Genehmigung für diese Idee, aber die Reformideen zur Neuen Oberstufe, die Umsetzung freier Lernangebote (LeAs) am Firstwald, das Innovationslabor G-Flex der Deutschen Schulakademie uvm. deuten darauf hin, dass sich Elemente davon im Sinne der Schülerinnen und Schüler dennoch Bahn brechen werden.

Ich persönlich habe im Schullabor zum Projekt Abitur im eigenen Takt gelernt, was es bedeutet, intensiv mit anderen Schulen an pädagogischen Fragen zu arbeiten, was es bedeutet, deutschlandweit Vorträge zu bildungspolitischen Fragen zu halten um seine Ziele zu erreichen, wie größere bundesweite Tagungen organisiert werden und worauf es beim Projektmanagement ankommt, und auch, dass eine Aufgabe nicht immer nur Energie kostet, sondern im Gegenteil auch Energie geben kann, auch wenn sie viel Zeit in Anspruch nimmt.

Leitprinzipien der Schulentwicklung
Für unsere Hospitationsgäste stellte Friedemann Stöffler dann irgendwann einmal eine Liste von Dingen auf, die ihm in Schulentwicklungsprozessen wichtig sind. Viele von diesen Prinzipien haben es jetzt auch in die Aufzählung in unserem Buch geschafft. Ich habe mir diese Liste damals ausgedruckt und direkt neben meinen Schreibtisch gehängt, als ich die Aufgabe als Abteilungsleiter für Schulentwicklung im Jahre 2014 von Friedemann übernahm, der seinerseits danach den Ganztagesbereich an unserer Schule gestaltete. Ich spürte die Verantwortung für diese Nachfolge und es tat gut, von Friedemann zu hören, dass ich mir das erste Jahr nehmen solle, um in dieser neuen Aufgabe anzukommen.

Erste Projekte waren dann auch eher der Nachhaltigkeit gewidmet, z. B. getroffene Entscheidungen des Kollegiums neu zu durchdenken und inhaltliche Struktur aufzubauen. Aber bereits 2015 stand die Schlussklausur des Schuljahres unter dem Motto: „Werkstätten – große und kleine Baustellen angehen“, unser erstes Barcamp an der Schule. Der Einsatz dieser Methode, sicherlich kennengelernt im Twitterlehrerzimmer bzw. ganz konkret über ein EduCamp, zeigte, wie Form und Inhalt, wie die Ideen der Leitprinzipien und die konkrete Arbeitsweise ineinandergreifen können.

Das Projekt „Zeitgemäß Lernen“ und die Leitprinzipien
Im Jahr 2016 startete dann mit einem Kick-Off der Prozess „Zeitgemäß Lernen“, der bis heute zum Ziel hat, den Unterricht, ja die Schule insgesamt, neu und zügiger auszurichten an den Anforderungen der Gesellschaft, aber vor allem Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese nicht nur zu erfüllen, sondern aktiv und mündig mitzugestalten. Dieser Prozess wurde in diesem Blog ausführlich begleitet.

Und auf einmal waren sie alle in der Anwendung, diese Leitprinzipien. Ohne es zu Beginn zu merken wurde der gesamte Schulentwicklungsprozess durch sie organisiert und geprägt; ich hatte sie verinnerlicht, nein, wir hatten sie verinnerlicht: Mein Schulentwicklungspartner Michael Hirscher, der IT-Verantwortliche Philipp Reitter und das gesamte Schulleitungsteam. Schon sehr früh war so klar für uns als Schule, dass wir das Thema „Digitalisierung“ als Schulentwicklungsprozess behandeln würden, nicht als Digitalisierungsprozess. Es war undenkbar geworden, von „Tabletklassen“ zu sprechen (wir haben ja auch keine „Heftklassen“), unreflektiert teure interaktive Whiteboards anzuschaffen (wir haben bis heute kein einziges) oder auch nur diesen Weg als Schule alleine zu gehen, ohne uns mit anderen Schulen auszutauschen oder von ihnen inspirieren zu lassen.

Haben wir auch Fehler im Prozess gemacht? Aber sicher, sehr viele; vor allem haben wir die Leitprinzipien vermutlich manchmal besser nach außen als nach innen kommuniziert.

Dankbarkeit und Inspiration
Für alle diese Erfahrungen bin ich dem Firstwald-Gymnasium mit seinem Träger, seinem Schulleiter Helmut Dreher, seinem ehemaligen Schulentwickler Friedemann Stöffler und dem gesamten Kollegium in all seiner Offenheit für Veränderungen unendlich dankbar. Mit dem Buch „Die agile Schule“ liegt das Fazit dieser fruchtbaren Zusammenarbeit vor, in der Hoffnung, dass die Ideen darin vielen Schulen im deutschsprachigen Raum weiterhelfen mögen, indem sie einerseits neue Wege im Denken aufzeigen, andererseits aber vielleicht auch Reibungen hervorrufen, denn diese erzeugen ja bekanntlich immer Wärme und setzen Energie frei.

Viel Vergnügen bei der Lektüre und viel Erfolg beim Weg hin zu einer (noch) besseren Schule, die den wunderbaren Menschen, die sie besuchen (müssen) gerecht wird.
 

 

 

Kollegien im Austausch (für zeitgemäße Bildung)

Kollegien im Austausch (für zeitgemäße Bildung)

Netzwerke für den Austausch von Schulen, sogar ganzer Schulen, gibt es viele, z. B. „Blick über den Zaun“ oder die Aktivitäten der Deutschen Schulakademie. Austausch auf individueller Ebene gibt es innerhalb des Kollegiums, aber auch auf Großevents wie „WES 4.0“ uvm.

Aber was ist, wenn man ein Bild der nötigen Veränderungen im Bildungsbereich entwickeln möchte? Wenn man dazu größere Teile des Kollegiums mitnehmen möchte? Wenn es dann auch um Haltungen geht?

 

Zwei Gymnasien kooperieren

Wir haben uns aufgemacht und uns mit einer Schule verabredet, die seit mehreren Jahren bereits mit Tablets im Unterricht arbeitet. Die Hälfte der Klassen dieser Schule hat diese Technik zur Verfügung, die andere nicht (Kleine Randbemerkung: Ich vermeide den Begriff „Tabletklasse“, weil wir 1. auch nicht von „Heftklassen“ sprechen und 2. die Reduktion auf die Technik genau unser Problem in den aktuellen Debatten ist). Wir arbeiten im Projekt „Zeitgemäß Lernen“ mit 1:1 Ausstattung. Insgesamt 18 Kolleginnen und Kollegen waren in ihrer Freizeit bei unserem Treffen.

Die jeweiligen Projektleiter/innen der beiden Schulen waren sich schnell einig, dass wir für diesen Kick-Off-Tag folgende Struktur brauchen:

  1. Gemeinsames Essen zu Beginn
  2. Kurze Einführung (Überblick über Konzeptionen)
  3. Lange eingeständige Arbeitsphase in Fachgruppen
  4. Kurzes gemeinsames Fazit

Es fehlten krankheitsbedingt einige Technik-Freaks auf beiden Seiten, was für das Treffen vielleicht sogar hilfreich war. Es ging viel um pädagogische Fragestellungen, aber nicht im Sinne von „Pädagogik vor Technik“, sondern im Sinne von: „Schule neu denken“.

 

Erkenntnisse bzw. Bestätigungen bisheriger Gedanken aus dem Treffen

  • Wir müssen für eine neue Lernkultur Räume neu denken
  • Gute Schülerinnen und Schüler nutzen die Chancen der neuen Technologien um sich zu verbessern, und das auch über die klassischen Unterrichtsziele hinaus. Die Schere in der Leistung geht aber dadurch auch weiter auf. Wie unterstützen wir leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler, damit dies nicht passiert?
  • Fremdsprachen als Fächer werden aufgebrochen durch die Möglichkeiten der Algorithmen von DeepL. Viele offene (wünschenswerte) Prüfungsformate funktionieren nicht mehr. Die Fremdsprachen entwickeln hin zu Fächern, die auf Lebenspraxis und Kulturvermittlung mehr wert legen.
  • Unter den Rahmenbedingungen der Digitalität wird Pädagogik neu gedacht. Der Schwerpunkt liegt häufiger auf offenem Arbeiten (z. B. Portfolio-Arbeit). Dabei gibt es Ängste bzw. fehlendes Vertrauen in die Ergebnisse, gerade im Vergleich zur klassischen Unterrichtsstruktur. Wie schulen wir Verantwortung, wie gehen wir mit den Bedenken in Kollegien um?

 

Wir haben uns vorgenommen, uns in großer Runde wieder zu treffen, und zwar unter einem Themenschwerpunkt (voraussichtlich „Selbstorganisiertes Lernen“)

 

 

 

Was zeitgemäßes Lernen (nicht) ist

Anselm Grün schreibt in seinen vielfältigen Publikationen zu Führungsfragen: Wir sollten nicht von Veränderung (des Lernens) sprechen, sondern von Verwandlung. Der letztgenannte Begriff steht für die Wertschätzung des bisherigen.

Zeitgemäßes Lernen ist für mich NICHT:

  • Einfach Technik in die Klassen („Tabletklassen“)
  • Edubreakouts (Hier wird ja ein vorgegebener Weg gamifiziert)
  • Flipped Classroom
  • Kahoot, Quizlet und Co
  • Arbeitsblätter in OneNote bereitstellen bzw. ausfüllen lassen
  • Prüfungsformate unverändert lassen und den Rest verändern

Alle diese Lernformen bzw. Ansätze haben auch ihre Berechtigung für einen bestimmten Zweck (v. a. Reproduktion), daher soll das auch nicht als Kritik an der Verwendung verstanden werden, aber eben nicht zur Weiterentwicklung des Lernens.

 

Zeitgemäßes Lernen ist für mich:

  • Projektorientiert (Kommunikation, Kollaboration)
  • Orientiert an Schülerinnen und Schülern
  • Problemorientiert (Kritisches Denken, Kreativität)
  • Die Arbeit an (übergreifenden) Themen zur gesellschaftlichen Transformation
  • Netzwerke zu verstehen und zu nutzen
  • Die Trennung zwischen informellem und formellem Lernen aufzuheben (siehe LeA-System am Firstwald-Gymnasium Mössingen)
  • Den Lernprozess zu reflektieren und in der Beurteilung berücksichtigt zu sehen

 

Wenn man einer Kollegin oder einem Kollegen, die/der bereits seit vielen Jahren projektorientiert arbeitet, sagen kann, dass ihre/seine Arbeitsformen zeitgemäß sind, dann gelingt der Transformationsprozess auch leichter. Denn dann ist die Technik (zunächst) keine Hürde bei der Weiterentwicklung des Unterrichts.

Ein guter Kompromiss zwischen behutsamer Weiterentwicklung des bisherigen Systems und aber auch phasenweise ganz neuen Ansätzen ist das Modell „Deeper Learning“ von Anne Sliwka, das an anderer Stelle ausführlich beschrieben wird.

 

Lernforum „Schule leiten, gestalten und entwickeln“ (Schulakademie)

IMG_2416.jpegDas Regionalbüro Süd der Deutschen Schulakademie veranstaltete am 25.06.2019 in Kooperation mit der Heidelberg School of Education (HSE) eine Fortbildung zum Thema „Schule leiten, gestalten und entwickeln.“ Das Programm hier weiterhin hier abrufbar. Da ich selbst zusammen mit Anne Sliwka einen Workshop zum Thema „Lernkultur der Oberstufe“ hielt, kann ich nur die Eindrücke von der Keynote, aus den Pausen und aus unserem eigenen Workshop wiedergeben.

 

Keynote
Im Keynote-Vortrag von Kai Maaz, Direktor am DIPF, wurde ein Potpourri an Elementen zu erfolgreicher Schulentwicklung präsentiert. Besonders hervorzuheben ist, dass er die Beteiligung von Eltern (und auch Schülerinnen und Schülern?) als sehr wichtiges Element darstellte. Der Fokus des Vortrags lag aber m. E. auf einem Plädoyer für datengestützte Schulentwicklung. Man merkte dem Vortrag zweierlei an:
  1. Maaz kein Mann der Schulpraxis, wie er auch selbst unumwunden zugab. Er denkt in Strukturen klassischer Organisationsentwicklung mit dem Aufwand wie in 2. ersichtlich.
  2. Die Vorschläge erinnerten an die Zumutungen für Schulen, die mit externer Evaluation oder Vergleicharbeiten enorme Datensammlungen an Schulen verplichtend machten, ohne dass die Schulen selbst wirklich davon profitieren konnten (vgl. dazu auch die Bemerkung von Hans Anand Pant).
Und so entfaltete sich im Plenum auch durchaus scharfe Kritik. Schulpraktiker wünschen sich ja durchaus Instrumente zur einfachen Diagnose im Unterricht, auch zur Überprüfung von Schulentwicklungsprozessen. Allein sie fehlen, und auch Herr Maaz als Vertreter der Wissenschaft fühlt sich dafür nicht verantwortlich.
Es wurde erneut deutlich: Solange es kein Forum zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis gibt und die Politik auf Basis dieses gesammelten Expertentums Bildungspolitik steuert, werden wir noch an viele solcher Grenzen stoßen. Aus der Praxis Gewünschtes wird von der Politik nicht gesehen und von der Wissenschaft nicht gehört weil nicht finanziert. Ähnliche Prozesse finden übrigens auch auf anderen Felder der Digitalisierung statt, zum Beispiel beim Thema Datenschutz oder bei der Bereitstellung von Plattformen (vgl. das Scheitern von Logineo, EllaBW oder den Entwicklungsstand und die Praxisferne der HPI Schulcloud).
Maas selbst befürwortet übrigens sogenannte „Katalysatoren“ in den Schulen. Damit meint er Lehrkräfte, die die Zeit haben, den Kontakt zur Wissenschaft zu halten und für die Vermittlung zwischen beiden Welten zu sorgen. Ich bin skeptisch, weil diese Struktur sehr nach der Einbahnstraße „Wissenschaft => Schule“ klingt und nicht für einen Austausch auf Augenhöhe sorgt. Es braucht hier sicher mehr, echte, finanziell unterstützte Kooperation.

 

Workshop: Lernkultur in der Oberstufe
In unserem Workshop zur Lernkultur in der Oberstufe setzten Anne Sliwka und ich die Veränderungen, die die Digitalisierung für die Lebens- und Arbeitswelt bedeutet, voraus, und versuchten daraus konkrete Vorschläge zu Veränderung der Lernkultur in der Oberstufe, aber auch insgesamt, abzuleiten.

 

Veränderung in der Lebens- und Arbeitswelt
Entwicklung von „KI“ und neuronalen Netzen, Entwicklung der Robotik, neue Lernerfahrungen in der Lebenswelt Jugendlicher (Gamification, Nicht-Linearität der Inhalte, formelles vs. informelles Lernen) am Beispiel eines YouTube-Videos und die daraus folgende Problematik des Upskilling. Routinetätigkeiten, auch komplexere, werden über kurz oder lang automatisiert sein, dazu gehören Buchhaltungsjobs, Bankangestellte, Autoverkäufer uvm. Es gibt eine Zunahme an Jobs in den Bereichen „Umgang mit neuartiger Information“ und „Umgang mit unstrukturierten Problemen“ (Bsp. Manche Krebsformen sind nicht heilbar, hier wird eine Lösung gesucht).

 

Herausforderungen für Schule und Unterricht: Neue Lernkultur
Die Frage ist nun, ob wir tatsächlich, wie Jack Ma, der Chef von Alibaba, bei seiner legendären Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 gefordert hat, den Schwerpunkt des schulischen Lernens auf diejenigen Bereiche legen sollten, die Computer nicht erledigen können (Kunst, Sport, Teamwork, Kritisches Denken etc.), also quasi auf Komplementarität setzen. Probleme wurden darin gesehen, dass wir uns damit erstens von der technischen Entwicklung abhängig machen würden, und zweitens komplexe Problemlösungen häufig nur auf einer Basis umfassenden Wissens gefunden werden, die Fachlichkeit also auch die Voraussetzung für die vielzitierten 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, Kritisches Denken) ist.
Der Ausgangspunkt der weiteren Überlegungen war ein Schulentwicklungsprozess am Evangelischen Firstwald-Gymnasium Mössingen, bei dem bei einer Kick-Off-Tagung zu „Unterricht und Bildungszielen im Jahr 2025“ gemeinsam mit Eltern und Schülerinnen und Schülern überlegt wurde, wie die Schule darauf reagieren sollte.
Das Ergebnis waren eine komplexe Übersicht, die an anderer Stelle auf diesem Blog bereits besprochen wurde. Schwerpunkte zur Weiterentwicklung war der Fokus auf dem „Forschenden Lernen“, das Neugier weckt. Ebenfalls wurden Lehrer- und Schülerrolle neu definiert und als letzter Schritt eine Unterrichtsstruktur vorgeschlagen, die sich in diese Bereiche zusammenfassen lässt: Recherche – Produktion – Präsentation – Evaluation/Reflexion. Interessanterweise war diese Struktur genau die gleiche, die auch Anne Sliwka in ihrer Arbeit für Deeper Learning vorschlägt.

 

Deeper Learning
Anschließend stellte Frau Sliwka ihr Modell des Deeper Learning vor, nicht ohne zu erwähnen, dass der Begriff „Deeper Learning“ durchaus leicht unterschiedlich verwendet wird, unbedingt aber vom „Deep Learning“ (vgl. auch DeepL) abzugrenzen sei. Das Modell ist an anderer Stelle viel besser beschrieben, ebenso konkrete Unterrichtsbeispiele dazu. Es ist unbedingt einen Blick wert, nicht nur für die Strukturierung des Unterrichts in der Oberstufe.

 

Fazit
In der Diskussion zu dem Impulsen wurde deutlich, dass wir es vermeiden sollten, permanent künstliche Gegensätze in der Weiterentwicklung der Lernkultur aufzubauen. Dazu gehört, dass die Digitalisierung selbstverständlich Chancen zur Individualisierung bietet, aber ebenso zur Kollaboration – oftmals werden diese Pole gegeneinander ausgespielt.
Eine starke fachliche Basis muss zudem die Grundlage sein für eine Kollaboration, die wirklich eine Forschungsaufgabe mit problemorientierter Fragestellung darstellt.
Ein Fazit zur Veranstaltung: Wo, wenn nicht in solchen halb-privat organisierten Foren findet derzeit der Austausch zwischen Wissenschaft und Schulpraxis statt? Hier müssen wir in Deutschland noch viel besser werden, wenn wir unser Bildungssystem wirklich innovativ aufstellen wollen.
(Wird noch mit Feedback der Teilnehmer überarbeitet)

Session zum Fach „Mensch und Medien“ beim Barcamp Bad Wildbad (Juni 2019)

Das Land Baden-Württemberg tut was für innovative Menschen im Bildungssystem. Im halbjährlichen Takt wird an der Landesakademie Bad Wildbad ein Barcamp angeboten, zu dem namhafte Referenten eingeladen werden (dieses Mal Philippe Wampfler und Marina Weisband). Das nächste Barcamp findet übrigens am 13.-15.12.2019 statt, wer es sich vormerken möchte.

bild1-1024x512

Darstellung von Wibke Tiedmann

Die Nachlese ist bei Twitter unter #wildcampen19 möglich, aber auch über ein Padlet.

 

Unser Beitrag war dieses Mal die Vorstellung unseres Profilfachs „Mensch und Medien„, 2004 als Profilfach eingeführt (mit vom Kultusministerium genehmigten Bildungsplan) und als Alternativangebot zu Naturwissenschaft und Technik (NwT) gedacht. Der Bildungsplan und weitere Infos sind unter der Verlinkung oben abrufbar. Ein Profilfach ist prinzipiell ein Fach, das nicht von allen Schülerinnen und Schülern gewählt wird, sondern als Vertiefung angeboten wird, bei uns mit je 3 Std. wöchentlich in den Klassen 7-10.

 

Das Fach Mensch und Medien

Das Fach ist so aufgebaut, dass in jeder Klassenstufe 5 Dimensionen zum Tragen kommen:

  1. Technik
  2. Hören und hörbar machen (Radio, Hörspiel, Podcast)
  3. Sehen und sichtbar machen: Video und Bild
  4. Text und Layout
  5. Kommunikation
  6. In Klasse 10 zusätzlich: Vernetztes Arbeiten und Anwenden

2004 waren die klassischen Massenmedien natürlich auch hauptsächlicher Teil des Medienbegriffs, es gab noch kein Facebook und kein iPhone. Im Laufe der Zeit wurde das Curriculum daher auch immer weiter ergänzt bzw. erneuert und immer mit aktuellen Beispielen verknüpft. Phänomene wie die Böhmermann-Affäre, Social Bots, Echokammer, Fake News, Cyberüberwachung, KI, Cyber-Mobbing oder Memes werden tagesaktuell eingebaut.

Folgender Absatz sinngemäß aus einer Beschreibung eines Kollegen: Da es aber auch das Ziel des Fachs ist, die „Schülerpersönlichkeit so zu stärken, dass daraus eine intelligente Nutzung der Medien zum Wohle der Menschen und in Verantwortung für unsere Welt wahrgenommen werden kann“, kann es auch das Gebot sein, eben nicht immer am Puls der Zeit zu sein, sondern manchmal einfach auch ganz althergebracht Recherche zu erlernen, um Fake News zu erkennen und selbst keine zu produzieren; Memes in einen größeren kulturgeschichtlichen Rahmen (Emblemata) einzuordnen und sie dann bewusst (!) mit eigenen Bildern oder Videos einzusetzen; die realen zerstörerischen Auswirkungen des Cybermobbing darzulegen und eine echte Auseinandersetzung damit zu führen – Beziehungsarbeit kommt vor Technologie.

 

Was müssen alle wissen, was leistet das Profil?

Wir kamen im Rahmen unseres Projekts „Zeitgemäß Lernen“, das das Lernen und die Unterrichtsentwicklung in Zeiten der Kultur der Digitalität in den Blick nimmt, an den Punkt die Frage zu stellen, bis zu welchem Grad die Inhalte und Methoden unseres Profilfachs für alle Schülerinnen und Schüler relevant geworden sind und worin die Neuausrichtung dieses Fachs dann besteht.

 

Ergebnisse der Session

In der Session beim Barcamp in Bad Wildbad kamen auf dieser Basis folgende Fragen und Ideen auf (unsortiert):

  • Könnte es ein neues Ziel des Fachs sein, die Kultur der Digitalität wirklich zu durchdringen und dann mithilfe von Zertifikaten Medienscouts auszubilden, die in die Schule hineinwirken?
  • Professionalisierungsgrad neu denken: Wenn die Qualität einer Video/Ton/Bild-Aufnahme nicht mehr das entscheidende Kriterium in der vernetzten Welt ist, sondern die Verbreitung/Vernetzung, sind dann diese alten Ansprüche an Videoschnitt etc. noch notwendig?
  • Könnte es sinnvoll sein, auch in der Produktion einen Vergleich vorzunehmen zwischen den beiden Paradigmen: Video für das TV vs. Video für das Netz?
  • Welche Rolle spielen bisher implizite vs. explizite Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Instagram oder bei Snapchat (Stichworte: Codierungen in Bildern, Ghosting uvm.)
  • Sollte man die Erstellung einer Internetseite noch erlernen? Oder ist diese Fähigkeit inzwischen weitgehend irrelevant für die Zielsetzungen des Fachs?
  • Wie kann die Öffnung in Richtung Kommune, aber auch global (vgl. Keynote von Marina Weisband) besser gelingen? Dieses Fach hätte die zeitlichen Ressourcen dafür.
  • Wie viel Arbeit noch mit Texten in einer „Post-Text-Gesellschaft“?
  • Welche Rolle können die Schülerinnen und Schüler in der Professionalisierung dieses Fachs spielen? Wie erfolgt die Verknüpfung von aktuellem technischen Know-How (eher Schülerinnen und Schüler) und der reflexiven bzw. historischen Ebene (eher Lehrerinnen und Lehrer)?

 

Vielen Dank an die Teilnehmer der Session, vor allem an Adriane.

 

 

Jahrgangstreffen Preisträgerschulen 2010 / Digitalpakt – how not to…

Die Deutsche Schulakademie bietet den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises Foren für den regelmäßigen Austausch, unter anderen in diesem Jahr zum ersten Mal eine Art Jahrgangstreffen. Und so kam es, dass sich sowohl Kai Wörner als auch ich als Vertreter unserer Preisträgerschulen aus dem Jahr 2010 in einer kleinen Runde voller hoch engagierter und interessierter Menschen wiederfanden, die sich darüber austauschten, was in den letzten 9 Jahren seit dem Preis an ihren Schulen passiert ist und welche Themen derzeit bearbeitet werden.

Thema war neben der Entwicklung der Schulen und den Herausforderungen eines Schulleitungswechsels natürlich auch die Digitalisierung. Kai und ich boten spontan einen kleinen Workshop zu diesem Themenkomplex an. Beim Frühstück am nächsten Tag reifte dann der Entschluss, dass wir unser zufälliges Treffen nicht ohne ein gemeinsames Mini-Projekt abschließen konnten. Und so schrieben wir in aller Schnelle 13 Punkte auf (der Artikel 13  der EU-Urheberrechtsreform war gerade in aller Munde), die wir als Problempunkte ansehen, wenn jetzt mit dem Digitalpakt das große Geld an die Schulen fließt und von der Technik statt von der Zielsetzung her gedacht wird.

Schön, dass Kai und ich uns über Twitter schon kannten; schön, dass der Artikel die Runde gemacht hat; noch schöner, wenn nun möglichst wenige Schulen diese Fehler machen. Hier geht’s zu den 13 Punkten:

https://deutsches-schulportal.de/stimmen/13-heisse-tipps-um-den-digitalpakt-zu-versieben/

 

 

 

Wie kann Schule mit Terrorismus bzw. extremer Gewalt in den Medien umgehen?

candle-1750640_1920Beim einem grauenhaften Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, am 15.03.2019 kamen mindestens 50 Menschen ums Leben. Es war das schwerste Verbrechen in diesem Land seit 1943. Der Täter, ein aus Australien stammender Rechtsextremist, filmte seine Tat mithilfe einer Action-Cam und stellte das Video auf verschiedenen Plattformen online. Dazu veröffentlichte er ein 74-seitiges Manifest, das er auch an offizielle Stellen schickte.

Die großen Internetfirmen sperrten bzw. löschten Film und Dokument relativ schnell, doch die Verbreitung konnte dadurch natürlich nicht mehr verhindert werden. Nur wenige Tage später wurde beispielsweise ein WhatsApp-Video unter Schülerinnen und Schülern geteilt, das Teile des Täter-Videos zeigte. Hier wurde eine neue Qualität deutlich: Musste man bisher noch aktiv werden, wollte man reale, politisch motivierte Gewaltvideos zu sehen bekommen (bspw. die Enthauptungsvideos des IS), konnte diese also auch vermeiden, so wurde hier extreme, schockierende Gewalt direkt „frei Haus“ geliefert, mit teilweise sicherlich dramatischen Folgen für Kinder und Jugendliche, die diese Bilder nur schwer verarbeiten können.

Wie sollte also Schule mit einer solchen Herausforderung umgehen? Ich denke, dass die gesamte Gesellschaft hier gefragt ist, und die Schule als Sozialisationsinstanz im Besonderen.

  1. Reden, reden, reden: Schülerinnen und Schüler, die ungewollt (oder selbst gewählt) mit solchen Bildern konfrontiert werden, müssen aufgefangen werden, damit sie das Gesehene verarbeiten können.
  2. Die Opfer in den Blick nehmen: Man kann an der Schule eine Schweigeminute organisieren, eine kleine Gedenkveranstaltung abhalten, bei der die Biografien einiger Opfer vorgelesen werden (Emma Gonzalez vom March for Our Lives tat dies in ihrer bekannten Rede ebenfalls, die Stolpersteine haben eine vergleichbare Grundidee).
  3. Menschliche Größe in den Fokus rücken, wie in diesem Beispiel den Mann, der dem Täter vergibt, obwohl dieser seine Frau getötet hat.
  4. Dem Täter keine Plattform bieten: Man könnte mit der Klasse diskutieren, ob es eine gute Idee ist, wie von der neuseeländischen Premierministerin Ardern vorgeschlagen, den Namen des Täters nicht zu nennen, damit er wenigstens das Ziel einer zweifelhaften Berühmtheit nicht erreicht. Dies ist aber durchaus diskussionswürdig. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung war der Ansicht, dass man die Verbreitung nicht den sozialen Netzwerken überlassen dürfe. Hier sagen bspw.  die Journalisten Christian Füller oder Mario Sixtus m. E. zurecht, dass es da keine Debatte gibt, wenn man Punkt 5 berücksichtigt.
  5. Das Wesen des Terrorismus erläutern: Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist das Thema Terrorismus und die Rolle der Medien dabei sicherlich Schwerpunktthema im Politikunterricht der verschiedenen Bundesländer. Dennoch überrascht es, dass sowohl Massenmedien als auch der einzelne Social Media Nutzer diesen Mechanismen immer wieder auf den Leim gehen und so die Ziele des Terrorismus befördern, hier im konkreten Fall eben die Schülerinnen und Schüler, die aus natürlich altersbedingter Lust an der Grenzüberschreitung zu Handlangern der Terroristen werden. Hier findet sich z. B. recht brauchbares Material dafür.
  6. Rechtliche Grenzen aufzeigen und selbst setzen: Natürlich muss eine Schule über rechtliche Grenzen aufklären, indem sie vermittelt, dass die Verbreitung von solchem Material strafrechtlich relevant sein kann und im Zweifel auch zur Anzeige gebracht wird. Die Schule muss aber auch selbst disziplinarisch tätig werden und über Sanktionen klare Standards setzen. Es geht einfach gar nicht, dass solch grauenhaftes und menschenverachtendes Material weiter verbreitet wird. Meist erfährt man als Lehrer oder Lehrerin davon nur über Umwege, umso wichtiger ist es dann umgehend zu handeln
  7. Die Eltern mit ins Boot holen: Die Eltern sind einer dieser Umwege (aber auch das nicht-lehrende Personal an der Schule, das oft mehr erfährt). Das gemeinsame Handeln von Eltern und Schule macht die Ernsthaftigkeit der Grenzüberschreitung deutlich und ist hier unbedingt notwendig. Darüber hinaus erfreuen sich Eltern sicherlich auch noch an kleinen Hilfen wie diesen, wenn es um die Verarbeitung des Gesehenen geht.

Ich bin dafür kritisiert worden, dass ich diesen Fall für eine „interessante medienethische Frage“ halte, und ich gebe zu, dass diese Formulierung in der Kürze missverständlich sein kann. Es ging mir nicht um diese Nicht-Debatte über die Verbreitung des Videos, sondern um die Frage der Stärkung des ethischen Kompasses des Mediums „Schüler bzw. Schülerin“, oder allgemeiner, der Bürgerinnen und Bürger als Medienhandelnde in Social Media. Und da haben wir noch Arbeit vor uns, in der Schule wie in der Gesellschaft.