Was zeitgemäßes Lernen (nicht) ist

Anselm Grün schreibt in seinen vielfältigen Publikationen zu Führungsfragen: Wir sollten nicht von Veränderung (des Lernens) sprechen, sondern von Verwandlung. Der letztgenannte Begriff steht für die Wertschätzung des bisherigen.

Zeitgemäßes Lernen ist für mich NICHT:

  • Einfach Technik in die Klassen („Tabletklassen“)
  • Edubreakouts (Hier wird ja ein vorgegebener Weg gamifiziert)
  • Flipped Classroom
  • Kahoot, Quizlet und Co
  • Arbeitsblätter in OneNote bereitstellen bzw. ausfüllen lassen
  • Prüfungsformate unverändert lassen und den Rest verändern

Alle diese Lernformen bzw. Ansätze haben auch ihre Berechtigung für einen bestimmten Zweck (v. a. Reproduktion), daher soll das auch nicht als Kritik an der Verwendung verstanden werden, aber eben nicht zur Weiterentwicklung des Lernens.

 

Zeitgemäßes Lernen ist für mich:

  • Projektorientiert (Kommunikation, Kollaboration)
  • Orientiert an Schülerinnen und Schülern
  • Problemorientiert (Kritisches Denken, Kreativität)
  • Die Arbeit an (übergreifenden) Themen zur gesellschaftlichen Transformation
  • Netzwerke zu verstehen und zu nutzen
  • Die Trennung zwischen informellem und formellem Lernen aufzuheben (siehe LeA-System am Firstwald-Gymnasium Mössingen)
  • Den Lernprozess zu reflektieren und in der Beurteilung berücksichtigt zu sehen

 

Wenn man einer Kollegin oder einem Kollegen, die/der bereits seit vielen Jahren projektorientiert arbeitet, sagen kann, dass ihre/seine Arbeitsformen zeitgemäß sind, dann gelingt der Transformationsprozess auch leichter. Denn dann ist die Technik (zunächst) keine Hürde bei der Weiterentwicklung des Unterrichts.

Ein guter Kompromiss zwischen behutsamer Weiterentwicklung des bisherigen Systems und aber auch phasenweise ganz neuen Ansätzen ist das Modell „Deeper Learning“ von Anne Sliwka, das an anderer Stelle ausführlich beschrieben wird.

 

Lernforum „Schule leiten, gestalten und entwickeln“ (Schulakademie)

IMG_2416.jpegDas Regionalbüro Süd der Deutschen Schulakademie veranstaltete am 25.06.2019 in Kooperation mit der Heidelberg School of Education (HSE) eine Fortbildung zum Thema „Schule leiten, gestalten und entwickeln.“ Das Programm hier weiterhin hier abrufbar. Da ich selbst zusammen mit Anne Sliwka einen Workshop zum Thema „Lernkultur der Oberstufe“ hielt, kann ich nur die Eindrücke von der Keynote, aus den Pausen und aus unserem eigenen Workshop wiedergeben.

 

Keynote
Im Keynote-Vortrag von Kai Maaz, Direktor am DIPF, wurde ein Potpourri an Elementen zu erfolgreicher Schulentwicklung präsentiert. Besonders hervorzuheben ist, dass er die Beteiligung von Eltern (und auch Schülerinnen und Schülern?) als sehr wichtiges Element darstellte. Der Fokus des Vortrags lag aber m. E. auf einem Plädoyer für datengestützte Schulentwicklung. Man merkte dem Vortrag zweierlei an:
  1. Maaz kein Mann der Schulpraxis, wie er auch selbst unumwunden zugab. Er denkt in Strukturen klassischer Organisationsentwicklung mit dem Aufwand wie in 2. ersichtlich.
  2. Die Vorschläge erinnerten an die Zumutungen für Schulen, die mit externer Evaluation oder Vergleicharbeiten enorme Datensammlungen an Schulen verplichtend machten, ohne dass die Schulen selbst wirklich davon profitieren konnten (vgl. dazu auch die Bemerkung von Hans Anand Pant).
Und so entfaltete sich im Plenum auch durchaus scharfe Kritik. Schulpraktiker wünschen sich ja durchaus Instrumente zur einfachen Diagnose im Unterricht, auch zur Überprüfung von Schulentwicklungsprozessen. Allein sie fehlen, und auch Herr Maaz als Vertreter der Wissenschaft fühlt sich dafür nicht verantwortlich.
Es wurde erneut deutlich: Solange es kein Forum zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis gibt und die Politik auf Basis dieses gesammelten Expertentums Bildungspolitik steuert, werden wir noch an viele solcher Grenzen stoßen. Aus der Praxis Gewünschtes wird von der Politik nicht gesehen und von der Wissenschaft nicht gehört weil nicht finanziert. Ähnliche Prozesse finden übrigens auch auf anderen Felder der Digitalisierung statt, zum Beispiel beim Thema Datenschutz oder bei der Bereitstellung von Plattformen (vgl. das Scheitern von Logineo, EllaBW oder den Entwicklungsstand und die Praxisferne der HPI Schulcloud).
Maas selbst befürwortet übrigens sogenannte „Katalysatoren“ in den Schulen. Damit meint er Lehrkräfte, die die Zeit haben, den Kontakt zur Wissenschaft zu halten und für die Vermittlung zwischen beiden Welten zu sorgen. Ich bin skeptisch, weil diese Struktur sehr nach der Einbahnstraße „Wissenschaft => Schule“ klingt und nicht für einen Austausch auf Augenhöhe sorgt. Es braucht hier sicher mehr, echte, finanziell unterstützte Kooperation.

 

Workshop: Lernkultur in der Oberstufe
In unserem Workshop zur Lernkultur in der Oberstufe setzten Anne Sliwka und ich die Veränderungen, die die Digitalisierung für die Lebens- und Arbeitswelt bedeutet, voraus, und versuchten daraus konkrete Vorschläge zu Veränderung der Lernkultur in der Oberstufe, aber auch insgesamt, abzuleiten.

 

Veränderung in der Lebens- und Arbeitswelt
Entwicklung von „KI“ und neuronalen Netzen, Entwicklung der Robotik, neue Lernerfahrungen in der Lebenswelt Jugendlicher (Gamification, Nicht-Linearität der Inhalte, formelles vs. informelles Lernen) am Beispiel eines YouTube-Videos und die daraus folgende Problematik des Upskilling. Routinetätigkeiten, auch komplexere, werden über kurz oder lang automatisiert sein, dazu gehören Buchhaltungsjobs, Bankangestellte, Autoverkäufer uvm. Es gibt eine Zunahme an Jobs in den Bereichen „Umgang mit neuartiger Information“ und „Umgang mit unstrukturierten Problemen“ (Bsp. Manche Krebsformen sind nicht heilbar, hier wird eine Lösung gesucht).

 

Herausforderungen für Schule und Unterricht: Neue Lernkultur
Die Frage ist nun, ob wir tatsächlich, wie Jack Ma, der Chef von Alibaba, bei seiner legendären Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 gefordert hat, den Schwerpunkt des schulischen Lernens auf diejenigen Bereiche legen sollten, die Computer nicht erledigen können (Kunst, Sport, Teamwork, Kritisches Denken etc.), also quasi auf Komplementarität setzen. Probleme wurden darin gesehen, dass wir uns damit erstens von der technischen Entwicklung abhängig machen würden, und zweitens komplexe Problemlösungen häufig nur auf einer Basis umfassenden Wissens gefunden werden, die Fachlichkeit also auch die Voraussetzung für die vielzitierten 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, Kritisches Denken) ist.
Der Ausgangspunkt der weiteren Überlegungen war ein Schulentwicklungsprozess am Evangelischen Firstwald-Gymnasium Mössingen, bei dem bei einer Kick-Off-Tagung zu „Unterricht und Bildungszielen im Jahr 2025“ gemeinsam mit Eltern und Schülerinnen und Schülern überlegt wurde, wie die Schule darauf reagieren sollte.
Das Ergebnis waren eine komplexe Übersicht, die an anderer Stelle auf diesem Blog bereits besprochen wurde. Schwerpunkte zur Weiterentwicklung war der Fokus auf dem „Forschenden Lernen“, das Neugier weckt. Ebenfalls wurden Lehrer- und Schülerrolle neu definiert und als letzter Schritt eine Unterrichtsstruktur vorgeschlagen, die sich in diese Bereiche zusammenfassen lässt: Recherche – Produktion – Präsentation – Evaluation/Reflexion. Interessanterweise war diese Struktur genau die gleiche, die auch Anne Sliwka in ihrer Arbeit für Deeper Learning vorschlägt.

 

Deeper Learning
Anschließend stellte Frau Sliwka ihr Modell des Deeper Learning vor, nicht ohne zu erwähnen, dass der Begriff „Deeper Learning“ durchaus leicht unterschiedlich verwendet wird, unbedingt aber vom „Deep Learning“ (vgl. auch DeepL) abzugrenzen sei. Das Modell ist an anderer Stelle viel besser beschrieben, ebenso konkrete Unterrichtsbeispiele dazu. Es ist unbedingt einen Blick wert, nicht nur für die Strukturierung des Unterrichts in der Oberstufe.

 

Fazit
In der Diskussion zu dem Impulsen wurde deutlich, dass wir es vermeiden sollten, permanent künstliche Gegensätze in der Weiterentwicklung der Lernkultur aufzubauen. Dazu gehört, dass die Digitalisierung selbstverständlich Chancen zur Individualisierung bietet, aber ebenso zur Kollaboration – oftmals werden diese Pole gegeneinander ausgespielt.
Eine starke fachliche Basis muss zudem die Grundlage sein für eine Kollaboration, die wirklich eine Forschungsaufgabe mit problemorientierter Fragestellung darstellt.
Ein Fazit zur Veranstaltung: Wo, wenn nicht in solchen halb-privat organisierten Foren findet derzeit der Austausch zwischen Wissenschaft und Schulpraxis statt? Hier müssen wir in Deutschland noch viel besser werden, wenn wir unser Bildungssystem wirklich innovativ aufstellen wollen.
(Wird noch mit Feedback der Teilnehmer überarbeitet)

Session zum Fach „Mensch und Medien“ beim Barcamp Bad Wildbad (Juni 2019)

Das Land Baden-Württemberg tut was für innovative Menschen im Bildungssystem. Im halbjährlichen Takt wird an der Landesakademie Bad Wildbad ein Barcamp angeboten, zu dem namhafte Referenten eingeladen werden (dieses Mal Philippe Wampfler und Marina Weisband). Das nächste Barcamp findet übrigens am 13.-15.12.2019 statt, wer es sich vormerken möchte.

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Darstellung von Wibke Tiedmann

Die Nachlese ist bei Twitter unter #wildcampen19 möglich, aber auch über ein Padlet.

 

Unser Beitrag war dieses Mal die Vorstellung unseres Profilfachs „Mensch und Medien„, 2004 als Profilfach eingeführt (mit vom Kultusministerium genehmigten Bildungsplan) und als Alternativangebot zu Naturwissenschaft und Technik (NwT) gedacht. Der Bildungsplan und weitere Infos sind unter der Verlinkung oben abrufbar. Ein Profilfach ist prinzipiell ein Fach, das nicht von allen Schülerinnen und Schülern gewählt wird, sondern als Vertiefung angeboten wird, bei uns mit je 3 Std. wöchentlich in den Klassen 7-10.

 

Das Fach Mensch und Medien

Das Fach ist so aufgebaut, dass in jeder Klassenstufe 5 Dimensionen zum Tragen kommen:

  1. Technik
  2. Hören und hörbar machen (Radio, Hörspiel, Podcast)
  3. Sehen und sichtbar machen: Video und Bild
  4. Text und Layout
  5. Kommunikation
  6. In Klasse 10 zusätzlich: Vernetztes Arbeiten und Anwenden

2004 waren die klassischen Massenmedien natürlich auch hauptsächlicher Teil des Medienbegriffs, es gab noch kein Facebook und kein iPhone. Im Laufe der Zeit wurde das Curriculum daher auch immer weiter ergänzt bzw. erneuert und immer mit aktuellen Beispielen verknüpft. Phänomene wie die Böhmermann-Affäre, Social Bots, Echokammer, Fake News, Cyberüberwachung, KI, Cyber-Mobbing oder Memes werden tagesaktuell eingebaut.

Folgender Absatz sinngemäß aus einer Beschreibung eines Kollegen: Da es aber auch das Ziel des Fachs ist, die „Schülerpersönlichkeit so zu stärken, dass daraus eine intelligente Nutzung der Medien zum Wohle der Menschen und in Verantwortung für unsere Welt wahrgenommen werden kann“, kann es auch das Gebot sein, eben nicht immer am Puls der Zeit zu sein, sondern manchmal einfach auch ganz althergebracht Recherche zu erlernen, um Fake News zu erkennen und selbst keine zu produzieren; Memes in einen größeren kulturgeschichtlichen Rahmen (Emblemata) einzuordnen und sie dann bewusst (!) mit eigenen Bildern oder Videos einzusetzen; die realen zerstörerischen Auswirkungen des Cybermobbing darzulegen und eine echte Auseinandersetzung damit zu führen – Beziehungsarbeit kommt vor Technologie.

 

Was müssen alle wissen, was leistet das Profil?

Wir kamen im Rahmen unseres Projekts „Zeitgemäß Lernen“, das das Lernen und die Unterrichtsentwicklung in Zeiten der Kultur der Digitalität in den Blick nimmt, an den Punkt die Frage zu stellen, bis zu welchem Grad die Inhalte und Methoden unseres Profilfachs für alle Schülerinnen und Schüler relevant geworden sind und worin die Neuausrichtung dieses Fachs dann besteht.

 

Ergebnisse der Session

In der Session beim Barcamp in Bad Wildbad kamen auf dieser Basis folgende Fragen und Ideen auf (unsortiert):

  • Könnte es ein neues Ziel des Fachs sein, die Kultur der Digitalität wirklich zu durchdringen und dann mithilfe von Zertifikaten Medienscouts auszubilden, die in die Schule hineinwirken?
  • Professionalisierungsgrad neu denken: Wenn die Qualität einer Video/Ton/Bild-Aufnahme nicht mehr das entscheidende Kriterium in der vernetzten Welt ist, sondern die Verbreitung/Vernetzung, sind dann diese alten Ansprüche an Videoschnitt etc. noch notwendig?
  • Könnte es sinnvoll sein, auch in der Produktion einen Vergleich vorzunehmen zwischen den beiden Paradigmen: Video für das TV vs. Video für das Netz?
  • Welche Rolle spielen bisher implizite vs. explizite Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Instagram oder bei Snapchat (Stichworte: Codierungen in Bildern, Ghosting uvm.)
  • Sollte man die Erstellung einer Internetseite noch erlernen? Oder ist diese Fähigkeit inzwischen weitgehend irrelevant für die Zielsetzungen des Fachs?
  • Wie kann die Öffnung in Richtung Kommune, aber auch global (vgl. Keynote von Marina Weisband) besser gelingen? Dieses Fach hätte die zeitlichen Ressourcen dafür.
  • Wie viel Arbeit noch mit Texten in einer „Post-Text-Gesellschaft“?
  • Welche Rolle können die Schülerinnen und Schüler in der Professionalisierung dieses Fachs spielen? Wie erfolgt die Verknüpfung von aktuellem technischen Know-How (eher Schülerinnen und Schüler) und der reflexiven bzw. historischen Ebene (eher Lehrerinnen und Lehrer)?

 

Vielen Dank an die Teilnehmer der Session, vor allem an Adriane.

 

 

Jahrgangstreffen Preisträgerschulen 2010 / Digitalpakt – how not to…

Die Deutsche Schulakademie bietet den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises Foren für den regelmäßigen Austausch, unter anderen in diesem Jahr zum ersten Mal eine Art Jahrgangstreffen. Und so kam es, dass sich sowohl Kai Wörner als auch ich als Vertreter unserer Preisträgerschulen aus dem Jahr 2010 in einer kleinen Runde voller hoch engagierter und interessierter Menschen wiederfanden, die sich darüber austauschten, was in den letzten 9 Jahren seit dem Preis an ihren Schulen passiert ist und welche Themen derzeit bearbeitet werden.

Thema war neben der Entwicklung der Schulen und den Herausforderungen eines Schulleitungswechsels natürlich auch die Digitalisierung. Kai und ich boten spontan einen kleinen Workshop zu diesem Themenkomplex an. Beim Frühstück am nächsten Tag reifte dann der Entschluss, dass wir unser zufälliges Treffen nicht ohne ein gemeinsames Mini-Projekt abschließen konnten. Und so schrieben wir in aller Schnelle 13 Punkte auf (der Artikel 13  der EU-Urheberrechtsreform war gerade in aller Munde), die wir als Problempunkte ansehen, wenn jetzt mit dem Digitalpakt das große Geld an die Schulen fließt und von der Technik statt von der Zielsetzung her gedacht wird.

Schön, dass Kai und ich uns über Twitter schon kannten; schön, dass der Artikel die Runde gemacht hat; noch schöner, wenn nun möglichst wenige Schulen diese Fehler machen. Hier geht’s zu den 13 Punkten:

https://deutsches-schulportal.de/stimmen/13-heisse-tipps-um-den-digitalpakt-zu-versieben/

 

 

 

Wie kann Schule mit Terrorismus bzw. extremer Gewalt in den Medien umgehen?

candle-1750640_1920Beim einem grauenhaften Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, am 15.03.2019 kamen mindestens 50 Menschen ums Leben. Es war das schwerste Verbrechen in diesem Land seit 1943. Der Täter, ein aus Australien stammender Rechtsextremist, filmte seine Tat mithilfe einer Action-Cam und stellte das Video auf verschiedenen Plattformen online. Dazu veröffentlichte er ein 74-seitiges Manifest, das er auch an offizielle Stellen schickte.

Die großen Internetfirmen sperrten bzw. löschten Film und Dokument relativ schnell, doch die Verbreitung konnte dadurch natürlich nicht mehr verhindert werden. Nur wenige Tage später wurde beispielsweise ein WhatsApp-Video unter Schülerinnen und Schülern geteilt, das Teile des Täter-Videos zeigte. Hier wurde eine neue Qualität deutlich: Musste man bisher noch aktiv werden, wollte man reale, politisch motivierte Gewaltvideos zu sehen bekommen (bspw. die Enthauptungsvideos des IS), konnte diese also auch vermeiden, so wurde hier extreme, schockierende Gewalt direkt „frei Haus“ geliefert, mit teilweise sicherlich dramatischen Folgen für Kinder und Jugendliche, die diese Bilder nur schwer verarbeiten können.

Wie sollte also Schule mit einer solchen Herausforderung umgehen? Ich denke, dass die gesamte Gesellschaft hier gefragt ist, und die Schule als Sozialisationsinstanz im Besonderen.

  1. Reden, reden, reden: Schülerinnen und Schüler, die ungewollt (oder selbst gewählt) mit solchen Bildern konfrontiert werden, müssen aufgefangen werden, damit sie das Gesehene verarbeiten können.
  2. Die Opfer in den Blick nehmen: Man kann an der Schule eine Schweigeminute organisieren, eine kleine Gedenkveranstaltung abhalten, bei der die Biografien einiger Opfer vorgelesen werden (Emma Gonzalez vom March for Our Lives tat dies in ihrer bekannten Rede ebenfalls, die Stolpersteine haben eine vergleichbare Grundidee).
  3. Menschliche Größe in den Fokus rücken, wie in diesem Beispiel den Mann, der dem Täter vergibt, obwohl dieser seine Frau getötet hat.
  4. Dem Täter keine Plattform bieten: Man könnte mit der Klasse diskutieren, ob es eine gute Idee ist, wie von der neuseeländischen Premierministerin Ardern vorgeschlagen, den Namen des Täters nicht zu nennen, damit er wenigstens das Ziel einer zweifelhaften Berühmtheit nicht erreicht. Dies ist aber durchaus diskussionswürdig. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung war der Ansicht, dass man die Verbreitung nicht den sozialen Netzwerken überlassen dürfe. Hier sagen bspw.  die Journalisten Christian Füller oder Mario Sixtus m. E. zurecht, dass es da keine Debatte gibt, wenn man Punkt 5 berücksichtigt.
  5. Das Wesen des Terrorismus erläutern: Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist das Thema Terrorismus und die Rolle der Medien dabei sicherlich Schwerpunktthema im Politikunterricht der verschiedenen Bundesländer. Dennoch überrascht es, dass sowohl Massenmedien als auch der einzelne Social Media Nutzer diesen Mechanismen immer wieder auf den Leim gehen und so die Ziele des Terrorismus befördern, hier im konkreten Fall eben die Schülerinnen und Schüler, die aus natürlich altersbedingter Lust an der Grenzüberschreitung zu Handlangern der Terroristen werden. Hier findet sich z. B. recht brauchbares Material dafür.
  6. Rechtliche Grenzen aufzeigen und selbst setzen: Natürlich muss eine Schule über rechtliche Grenzen aufklären, indem sie vermittelt, dass die Verbreitung von solchem Material strafrechtlich relevant sein kann und im Zweifel auch zur Anzeige gebracht wird. Die Schule muss aber auch selbst disziplinarisch tätig werden und über Sanktionen klare Standards setzen. Es geht einfach gar nicht, dass solch grauenhaftes und menschenverachtendes Material weiter verbreitet wird. Meist erfährt man als Lehrer oder Lehrerin davon nur über Umwege, umso wichtiger ist es dann umgehend zu handeln
  7. Die Eltern mit ins Boot holen: Die Eltern sind einer dieser Umwege (aber auch das nicht-lehrende Personal an der Schule, das oft mehr erfährt). Das gemeinsame Handeln von Eltern und Schule macht die Ernsthaftigkeit der Grenzüberschreitung deutlich und ist hier unbedingt notwendig. Darüber hinaus erfreuen sich Eltern sicherlich auch noch an kleinen Hilfen wie diesen, wenn es um die Verarbeitung des Gesehenen geht.

Ich bin dafür kritisiert worden, dass ich diesen Fall für eine „interessante medienethische Frage“ halte, und ich gebe zu, dass diese Formulierung in der Kürze missverständlich sein kann. Es ging mir nicht um diese Nicht-Debatte über die Verbreitung des Videos, sondern um die Frage der Stärkung des ethischen Kompasses des Mediums „Schüler bzw. Schülerin“, oder allgemeiner, der Bürgerinnen und Bürger als Medienhandelnde in Social Media. Und da haben wir noch Arbeit vor uns, in der Schule wie in der Gesellschaft.

 

 

Zeitgemäße Schule?!

Jedes Halbjahr nutze ich gezielt den Schulcurriculumsanteil (1/4) des Bildungsplans, um die Schülerinnen und Schüler ihre Themen setzen zu lassen. Heute das Thema in der Kursstufe 1: Wie könnte eine zeitgemäße Schule aussehen, die die Schülerinnen und Schüler selbst ernst nähmen?

Das sind die Ergebnisse nach ca. 40 min:

Von der Buchschule zur digitalen Schule zur flexiblen Schule

Basisunterricht + Zeit für Spezialisierung

Mehr Kreativität durch Theater und Außerschulisches

Eine (erste) Liste der Herausforderungen beim Start von 1:1 Projekten

Eine (erste) Liste der Herausforderungen beim Start von 1:1 Projekten

Hier eine spontane Liste der Dinge, die in den ersten Wochen seit September zu bearbeiten waren. Sie ist nicht vollständig und wird ergänzt.

  1. Schülerinnen und Schüler können das Tablet nicht bedienen. Produktive Funktionen sind unbekannt und/oder werden nicht selbstständig erschlossen.
  2. Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler wissen nicht, wie sich selbst organisieren sollen. Sie schreiben mal auf Papier, mal auf dem Tablet, mal gar nicht auf.
  3. Die Technik läuft nicht wie geplant: W-Lan-Aussetzer, Sync-Probleme
  4. Die geplanten Schließschränke für die Geräte werden nicht geliefert (2 Monate Verzögerung)
  5. Die geplante Hardware wird nicht geliefert (hier: Logitech Crayon Stift, ebenfalls 2 Monate verzögert)
  6. Die Eltern werden z. T. ungeduldig, weil nicht sofort alles rund läuft.
  7. Konflikte, die vorher auf dem privaten Handy über WhatsApp ausgetragen wurden, werden auf die schulischen Geräte verlagert.
  8. Schülerinnen und Schüler vergessen ständig ihre Passwörter. Den Umgang damit müssen sie erst lernen.
  9. Bei vielen Optimierungen gibt es ein „Trial-and-Error“-Prinzip: Werden die Protokolle für kranke Mitschülerinnen und Mitschüler digital organisiert? Wenn ja, wie? Und warum klappt das so viel schlechter als auf Papier?
  10. Lehrerinnen und Lehrer müssen fortgebildet werden. Es fehlen weitsichtige und bezahlbare Fortbildner.
  11. Schwächere Schülerinnen und Schüler haben auch auf dem Tablet Probleme: Bei der Selbstorganisation, bei der Selbstkontrolle, mit der Freiheit…
  12. Die E-Books der Verlage sind eine Zumutung, vor allem die Zuweisung von Lizenzen: Entweder Datenschutzhölle oder Anmeldelabyrinth.

 

Vorläufiges Fazit: Wer den Unterricht verändern will (Stichwort „Zeitgemäß Lernen“) braucht einen langen Atem.

Warum Widerstand Wertschätzung erfahren muss…

… versuche ich in meiner aktuellen Kolumne zur Schulentwicklung beim „Deutschen Schulportal“ darzustellen. Bei Twitter warf mir jemand vor, ich ginge von einer Schule aus, die Lust habe sich zu bewegen. Es gäbe aber auch (sinngemäß) tote Systeme. Dazu bleibt nur zu sagen:

Man kann gegen den Wind segeln, aber nicht ohne Wind.

Wie Bewegung in ein solches System kommt, wird an anderer Stelle zu beschreiben sein.

 

Privatschulen für alle, oder: Wider die stille Privatisierung des Bildungswesens

Hier meine aktuelle Kolumne für das Deutsche Schulportal zum Thema „Privatschulen“. Obwohl ich selbst an einer Privatschule arbeite, stehe ich der Teilung des Systems durchaus kritisch gegenüber. Eigentlich wünschte ich, alle Schülerinnen und Schüler würden in den Genuss von „Privatschulleistungen“ kommen. Welche das sind, versuche ich im Artikel zu definieren, aufbauend auf einem Podcast, bei dem ich vor einiger Zeit zu Gast sein durfte.