Gespür entwickeln: Meine Rede zur Amtseinsetzung

Gespür entwickeln: Meine Rede zur Amtseinsetzung

am 13.10.2020

Liebe Mitfeiernde,

spüren Sie etwas? Spürt Ihr was? 

Die Erwartungshaltung im Raum, vielleicht Vorfreude auf das, was an der Schule passieren wird oder gerade passiert oder auch die Sorge darüber, vielleicht auch Langeweile ob der Aussicht auf einen weiteren Redebeitrag, Zufriedenheit, weil ein weiterer Übergang abgeschlossen ist, ein leichtes Unbehagen, dass wir in diesen Zeiten mit so vielen Personen aus verschiedenen Kontexten in einem Raum sitzen, oder auch einfach nur die frische Brise um die Nase vom Durchlüften…

Was haben wir in den vergangenen letzten 7 Monaten seit dem Shutdown im März wegen eines Virus, das die gesamte Gesellschaft betrifft und beschäftigt, nicht alles gespürt?! Da gab es viele Momente der Hektik, der Überforderung, der Angst, aber auch Momente der Ruhe, des In-sich-Hineinspürens, der inneren Einkehr. 

Probleme wurden sichtbar, ja, “wie unter einem Brennglas” – übrigens eine der meistzitierten Metaphern dieser Krise. Pflegekräfte und Supermarktkassiererinnen wurden plötzlich als systemrelevant bezeichnet und neu wertgeschätzt, ihre Situation wurde wie unter besagtem Brennglas plötzlich stärker sichtbar, aber haben wir als Gesellschaft auch das Gespür bewiesen, diese Probleme angemessen anzugehen?

Das Wort “Gespür” verweist je nach Wörterbuch einerseits auf die Fähigkeit, einen verborgenen, nicht deutlich sichtbaren Sachverhalt gefühlsmäßig zu erfassen, also auf die Emotion – und andererseits auch auf die Vorahnung, wenn es heißt, das Gespür sei die Fähigkeit, etwas im Voraus zu erfassen, zu erahnen. Das Wort kann sich also auf die Gegenwart und auf die zu gestaltende Zukunft gleichermaßen beziehen.

Etwas spüren – das kann etwas sehr Schönes, etwas Berührendes sein, aber wir verspüren, wir empfinden  auch Langeweile, Enttäuschung, Trauer. Gefühle machen uns lebendig, sie sind am Ende das, was wir als Leben bezeichnen. Und wir spüren auch, dass sich gerade in dieser seltsamen Zeit eine Chance auftut für Verwandlung.

Ich weiß nicht, wie viele Artikel es in einer Phase nach dem ersten Schock gab zu Corona als Chance – auf viele wirkten sie aber immer irgendwie unpassend, bauen doch diese Chancen auf dem Risiko für andere Menschen auf. 

Dennoch beschreibt der Zukunftsforscher Roger Spindler in seinen Workshops und Vorträgen die Krise als Chance zum Innehalten. Er beschreibt, wie wir nun wahrnehmen, was vorher zum Teil verschüttet war und nun banal klingt: Der Mensch ist ein Teil der Natur, menschliche Beziehungen haben eine große Bedeutung. Gleichzeitig stellt Spindler fest, dass die verordnete Entschleunigung auch zu einer Beschleunigung der Resonanzen geführt hat: Wir haben nun auch “Bewegung” in der Welt (deutlich wird dies zum Beispiel an Bewegungen wie Blacklivesmatter). Das Gespür für das, was sich bewegen sollte, ist deutlich ausgeprägter als in der Prä-Corona-Zeit.

Beim Begriff der Resonanz bezieht sich Spindler augenscheinlich auf den Soziologen Hartmut Rosa, der die Resonanz als etwas beschreibt, das wir spüren:

  1. In Momenten der Berührung, wenn uns etwas bewegt
  2. In Momenten der Selbstwirksamkeit – ein ganz einfaches Beispiel dafür ist die Antwort auf eine Berührung, z. B. in Form einer Gänsehaut bei schöner Musik
  3. In Momenten der Anverwandlung, wenn uns Begegnungen zu einem anderen Menschen machen, prägen

Die Krise wirkt als Beschleuniger dieser Resonanzen: Corona ist also eine Chance für uns, ein Gespür dafür zu entwickeln, was von dem, was uns zu Menschen macht, noch stärker in Schule zu finden sein sollte. Wir haben die Chance zu begreifen, dass wir Schule in der Krise neu denken, nein, viel besser, verwandeln können. Der Benediktinermönch Anselm Grün verwendet gerne das Wort Verwandlung anstelle des Begriffs der Transformation, weil in der Verwandlung auch das Erhaltenswerte, das Gute, das Alte, enthalten ist, und so seine Wertschätzung erfährt, und gleichzeitig verheißt Verwandlung etwas Wunderbares.

Wenn wir es also schaffen, in der Institution Schule zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Eltern Resonanz entstehen zu lassen, wenn wir Momente der Berührung in Zeiten des “Social Distancing” (meines Erachtens übrigens ein schrecklicher Begriff) schaffen, und wenn wir verstehen, dass wir uns dafür auf eine permanente gemeinsame Spurensuche begeben müssen, dann gelingt uns der Spagat zwischen den Herausforderungen und Anforderungen der Gesellschaft (Zukunft der Demokratie, Klimawandel, grenzenloser Egoismus) und dem Besinnen auf das, was uns Menschen im Kern ausmacht.

Dann geht es am Ende nicht mehr um Inklusion, um Digitalisierung, um Hybrid-Unterricht, um G8 oder G9, sondern wir haben all diese Entwicklungen im Blick, auf Basis eines starken Glaubens (fortiter in fide, wie Bischof Sprolls Leitspruch lautete) und mit einer klaren Haltung, weil die Schülerinnen und Schüler als Menschen im Mittelpunkt unseres Bemühens stehen, und auch wir Lehrerinnen und Lehrer als Spürende, als Menschen, wahrgenommen werden.

(Danksagungen)

Übergänge

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

(Hermann Hesse: Stufen)

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Aktuell befinde ich mich in einem Übergang, beruflich wie privat: Neue Region, neue Arbeitsstelle, neue Aufgaben. Und ständig bekommt man das oben genannte Zitat von Hermann Hesse zu hören. Vermutlich soll es Mut machen und dafür sorgen, dass man diesen Übergang erfolgreich gestaltet. Vielleicht ist es auch nur ein Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit mit der Situation; damit, dass da jemand ist, der sich mitten in dieser Phase befindet und diese zu gestalten als Aufgabe hat; und man ist vielleicht selbst froh, dies nicht tun zu müssen. Mir selbst kommt es aktuell so vor, als würde dieser Zweizeiler allein der Komplexität des Übergangs nicht gerecht (und das wusste natürlich auch Hermann Hesse, denn sein Gedicht ist deutlich länger).

Es heißt, Rituale seien für die Gestaltung des Übergangs ein sehr wichtiges Mittel. Das Corona-Virus verhindert aktuell einige dieser Rituale. Dazu gehören aktuell auch Umarmungen und die Berührung im einfachen Händedruck als Zeichen der Verabschiedung und der Glückwünsche bzw. Danksagung. Auch Feiern sind aktuell nur sehr eingeschränkt möglich und es fehlt der Zauber des Loslassens.

Der französische Ethnologe Arnold van Gennep hat vor über 100 Jahren bereits zwischen drei Phasen des Übergangs entschieden: Der Ablösungsphase, der Umwandlungsphase und der Wiederangliederungsphase (vgl. Liechti-Genge 2016).

 

Ablösungsphase

Zu Beginn des Übergangs steht das Lösen vom bisher Gekannten. Und dabei geht es los mit dem Gefühlschaos aus Trauer, vielleicht auch Angst (denn man weiß ja noch nicht, wohin der Weg genau führen wird), aber auch Freude auf das Neue, und genauso Erleichterung darüber, dass man Einiges, das einen auch genervt hat, hinter sich lassen darf. Die Übergabe der vormals ausgeübten Aufgaben ist so ein Moment, indem viele dieser Emotionen parallel an die Oberfläche treten.

 

Zwischen- oder Umwandlungsphase

Im Französischen gibt es den Begriff des l’entre-deux, dem „Ort dazwischen“ (vgl. Liechti-Genge 2016). Die meiste Zeit fühlt sich der Übergang so an: Das Alte ist noch nicht ganz weg, das Neue ist noch nicht ganz da. In der Umwandlung steckt die Einsicht, dass die alten Fähigkeiten und Fertigkeiten und Einsichten im Neuen evtl. nicht mehr funktionieren. Es ist eine Phase der Verunsicherung, aber auch der Neugier und Offenheit, für Impulse, aber auch erneut für die breite Palette an Emotionen.

Kleiner persönlicher Einschub: Es ist wunderbar, wenn Menschen sich entscheiden, diesen Übergang mitzugestalten. Das trifft auf Kolleginnen und Kollegen zu, die sich fest vorgenommen haben, mich an meiner neuen Arbeitsstelle zu besuchen und im Austausch zu bleiben, aber auch und vor allem die Kolleginnen und Kollegen meiner neuen Arbeitsstelle, die die Mühen auf sich genommen haben, mich im Rahmen des Projekts „Zeitgemäß Lernen“ an meiner alten Schule zu besuchen und zu verstehen, worin der Kern meiner Arbeit zuletzt bestand. So darf ich ein Stück meiner alten Begeisterung mitnehmen, das Gefühl eines Übergangs mit Geländer kann entstehen. Danke!

 

Wiederangliederungsphase

Angeblich wird erst in dieser Phase die Tragweite der Veränderung spürbar. Das Einfinden in das Neue kostet viel Kraft, und am Ende kann ein Zustand entstehen, in dem ich im Neuen ankommen kann, die Umwandlung also beendet ist.

 

ZuMUTung

Zu Beginn des Übergangs habe ich mir die Frage gestellt, ob ich bereit bin, mir die Aufgabe der Schulleitung „zuzumuten“. In dieser Begrifflichkeit steckt einerseits der Gedanke, von sich selbst etwas zu verlangen, was man ggf. nur schwer leisten oder ertragen kann. Kann man unter solchen Umständen einen solchen Weg überhaupt antreten?

Andererseits ist der Kern eines jeden Übergangs genau in dem Wort Mut zu finden, das sich in der Mitte der Zumutung befindet. Franz Liechti-Genge (ebd.) schreibt dazu unter Bezug auf den Wortursprung des Wortes Courage (frz. coeur): „Mutig sein heisst also, mit dem Herzen dabei zu sein, beherzt das Leben wagen. Das Leben wagen bedeutet eben auch, sich diese Übergänge zuzumuten.“

 

Übergänge gestalten

Wenn Rituale wie in der aktuellen Situation aktuell nur eingeschränkt der Gestaltung des Übergangs dienen, dann muss man sich ggf. einfacherer Formen bedienen, zum Beispiel, in dem man den Übergang als solchen bezeichnet und auch dadurch zelebriert. Vielleicht hilft auch schon das, genau das auszuhalten, was so wichtig ist: l’entre-deux, das Dazwischen.

Dieser Text ist vermutlich in dieser Form entstanden, weil es eine hohe Deckungsmenge zwischen meiner aktuellen persönlichen Erfahrung und der Verwandlung des Schulwesens im Kontext der Kultur der Digitalität und den konkreten Anforderungen im Angesicht der Corona-Krise gibt. 

 

 

Literatur

Hesse, Hermann: Stufen. Zitiert nach: https://hhesse.de/gedichte/stufen/, abgerufen am 24.07.2020

Liechti-Genge, Franz (2016): Übergänge – wahrnehmen, gestalten, leben. https://www.ebi-zuerich.ch/cm_data/EBI-Uebergaenge-FranzLiechti-Genge.pdf, abgerufen am 24.07.2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schulentwicklung: Wie Corona die Schule verändern könnte

Schulentwicklung: Wie Corona die Schule verändern könnte

Heute ist Donnerstag, der 2.04.2020, fast drei Wochen nach Beginn der Schulschließungen wegen Covid19, einem gefährlichen Virus.

Stell Dir vor es ist Schule – und Keine/r geht hin.

Das war schon das Motto beim Start des Projekts “Zeitgemäß Lernen” im Jahre 2016 am Evang. Firstwald-Gymnasium in Mössingen, um uns bei unserem geplanten Paradigmenwechsel zu helfen. Von Beginn an war uns klar, dass wir alle am Schulleben Beteiligten in den Prozess der Weiterentwicklung unserer Schule einbinden wollten, und es war uns ebenso klar, dass wir keine “Tabletklassen” haben wollten, sondern dass wir, ausgehend von diesem Gedanken im ersten Satz, Schule neu denken und dabei die Weiterentwicklung des Lernens in den Mittelpunkt stellen wollten. Zusammen konzipierten wir ein gemeinsames Bild vom Lernen, das das Projekt bis heute trägt.

 

Die Digitalisierung von Schule ist per se kein Fortschritt

Wenn man nun die Berichterstattung über Schule in der Corona-Krise betrachtet, so wird häufig vom Nachholen der Digitalisierung von Schule gesprochen: Jetzt geht es endlich los, Lernplattformen werden aktiviert, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler haben Zugriff und können endlich kommunizieren. Und das stimmt ja auch. Doch beim genaueren Blick gilt das noch lange nicht für alle Schulen (es gibt noch zahlreiche Varianten von: Zu Beginn der Woche verschicken alle eine E-Mail mit den Arbeitsaufträgen, und die Eltern drucken zuhause aus), und oftmals erschöpft sich die Digitalisierung im Versenden von PDFs über Plattformen, oder in Videokonferenzen, die zu den Zeitpunkten stattfinden, an denen sonst das jeweilige Fach im Stundenplan unterrichtet würde. Mancherorts gibt es durch die Technisierung einen 1:1-Ersatz des klassischen Schulsettings, beim Verlust des Kontakts und der Beziehung zu den Menschen.

 

Was ist gerade anders?

Inmitten der Krise fällt eine Reflexion von Entwicklung immer schwer, aber man kann Veränderungen wahrnehmen und versuchen einzuordnen. Die folgenden Felder lassen sich schnell identifizieren:

 

Kommunikation

Schulen lernen neue Wege der Kommunikation, egal von welchem Stand sie starten. Zum Telefon kommt die E-Mail hinzu, zur E-Mail die Lernplattform, zur Lernplattform das Video uvm. Viele dieser neuen Kommunikationswege ermöglichen Beziehungen zwischen am Schulleben Beteiligten und sind daher unbedingt zu begrüßen. Die Fernuniversitäten haben auf diesem Gebiet schon vielfältige Erfahrungen gemacht, von denen man hier auch profitieren kann.

Das Verhältnis zwischen LuL und SuS

In der aktuellen Situation zeigt sich wie sonst kaum, welchen Grad der Selbstständigkeit die Schülerinnen und Schüler erlangt haben, und welche Rolle wir Lehrkräfte dabei gespielt haben und spielen. Es zeigt sich, dass wir vertrauen müssen, und wenn die Beziehung stimmt, auch vertrauen können. Aber digitale Tools können auch zur kleinlichen Kontrolle ausarten („Mein System sagt, dass Du die Aufgabe noch nicht einmal angeschaut hast!“). Das Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle wird offengelegt.

Motivation zum Lernen

Lernimpulse müssen aktuell so angelegt sein, dass sie einen Bezug zu mir (den einzelnen SuS) haben, so dass ich den Anreiz verspüre, mich selbst damit zu beschäftigen. Wir finden hier eine radikale Form der Schülerorientierung. Informelles und formelles Lernen vermischen sich auf diese Weise (endlich!) auch im Schulkontext.

Lernformen

Wenn Lehrkräfte jetzt zunehmend Übungen zu Online-Grammatik-Übungen, Basisskills oder Grundlagenwissen verschicken, dann zeigen sie eine Richtung auf, die sich bereits länger andeutet: Kleinschrittiges wird perspektivisch automatisiert werden. Die Rolle von LuL und Schule bleibt dann, Probleme oder Fragen aufzuwerfen, die offen formuliert sind, zu deren Lösung kollaborative Prozesse nötig sind (auch außerhalb der Schule) und an deren Ende ein Produkt steht; kurz: (fächerübergreifende) Projekte.

Bedeutung des Curriculums

In der Woche vor der Schulschließung konnte man Biologielehrer*innen noch sagen hören: Ich kann das Virus nicht behandeln, ich muss doch „meinen Stoff durchkriegen“. Nie wirkte es absurder als in dieser Situation, in der es eigentlich kein wichtigeres Thema gab. In den letzten drei Wochen wurde die Frage erneut aufgeworfen, was im Curriculum wirklich essentiell ist. Wie können wir weiter entschlacken, um Raum zu schaffen für die wichtigen Dinge. Im Webinar zum Thema dieses Beitrags schlug Simon Hassemer von der Josef-Durler-Schule in Rastatt vor, Zeit für die oben angesprochene und geforderte Selbstständigkeit freizublocken.

Prüfungsformate

Wir kommen auch ins Nachdenken darüber, wie ohne Präsenz und direkte Kontrolle Prüfungen neu konzipiert werden könnten. Sollen wir sie direkt abschaffen, wie Dejan Mihajlovic an anderer Stelle einmal forderte, oder sollen wir den Prozess selbst stärker in den Blick nehmen (auch zur Bewertung)? Oder geht es vielmehr um komplexe, offene Aufgabenstellungen, ergänzt um regelmäßige Selbsttests und Reflexionsmöglichkeiten zum Grundlagenwissen (vergleichbar mit der Konzeption der Alemannenschule Wutöschingen, Schulpreisträger 2019)?

Gerechtigkeitsfragen

Wie differenzieren wir, um verschiedenen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden? Wie unterstützen wir, wenn die Voraussetzungen zuhause so unterschiedlich sind? Bisher haben wir uns als System oft eingeredet, dass man häusliche Unterschiede nicht nivellieren könne (obwohl wir es aus den Erfahrungen anderer Ländern hätten besser wissen können, siehe Kanada oder Neuseeland). Jetzt wird deutlich: Wir müssen genau das leisten; wir müssen früher ansetzen, und wir müssen den Prozess begleiten, gerade bei denen, die diese Unterstützung zuhause nicht erfahren.

 

Was können wir daraus lernen?

  1. Wir lernen gerade: Präsenzzeit und Begegnung sind wertvoll. Wir sollten diese gemeinsame Zeit möglichst effektiv für Lernprozesse nutzen, die den Dialog und die Spiegelung erfordern. Schülerinnen und Schüler von uns haben bereits an anderer Stelle Zukunftskonzepte von Schule entwickelt und vorgestellt, hier sei darauf verwiesen.
  2. Kommunikation & Kollaboration muss unabhängig vom Ort möglich sein, in der Schule wie außerhalb.
  3. Die Hinführung zum selbstständigen Arbeiten und Lernen sollte im Fokus stehen.
  4. Inhalte sollten an zentralen Weltproblemen ausgerichtet werden und häufig im Rahmen von Projekten erarbeitet werden (vgl. Marchtaler Plan der katholischen Schulen)
  5. Wir brauchen eine radikale Orientierung an den Interessen und Bedürfnissen der Lernenden.

 

Hinweis: Dieser Text entstand auf Basis des unten genannten Webinars für das ZSL Baden-Württemberg. Danke an die Moderation (Wibke Tiedmann und Jan Hambsch) sowie die Teilnehmer*innen für die zusätzlichen Impulse.Webinar-Corona

Forum Digitalisierung der ELK-WUE: Die „Guten“ fangen an, das Internet zu nutzen

Forum Digitalisierung der ELK-WUE: Die „Guten“ fangen an, das Internet zu nutzen

 

 

 

 

 

Vor kurzem schrieb Jan Böhmermann folgenden Tweet:

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Diesen Tweet könnte man passend zur Veranstaltung „Forum Digitalisierung“ der Evang. Landeskirche Württemberg (#elkwuedigital) erweitern:

„Die Feinde gesellschaftlicher Werte wie Toleranz, Zusammenhalt und Nächstenliebe nutzen das Internet, die (institutionellen) Vertreter ebendieser Werte noch nicht.“

Vor diesem Hintergrund war das „Forum Digitalisierung“ der Evangelischen Landeskirche mit den Keynote-Speakern Dirk von Gehlen von der SZ (Buch: Das Pragmatismusprinzip) und Peter Schreiner, dem Leiter des Comenius-Instituts, eine Veranstaltung, die Hoffnung macht(e).

Endlich wird die Digitalisierung in Kirchenkreisen nicht mehr nur unter dem Aspekt der Gefahren und Probleme diskutiert. Bisher waren Veranstaltungen dieser Art tendenziell eine Ansammlung von Menschen, die beklagen, dass bestimmte Werte in der Gesellschaft verloren gingen und die Kirchen einen Bedeutungsverlust erlitten.

Dirk von Gehlen fragte dann auch anschaulich am Beispiel der deutschen Autoindustrie, die verpasst habe, dass ihr Bereich sich nun hauptsächlich um Software dreht (am Beispiel des Software-Problems „Dieselskandal“), was die „Software“ der Kirchen sei. Dieser Aufruf wurde dankend aufgenommen.  Auch Peter Schreiner, Leiter des Comenius-Instituts in Münster, rief dazu auf, die positiven Werte der Digitalisierung wahrzunehmen und gestalten zu wollen.

Sichtbar wurde dies bereits an Verfahren und Methoden (wie z. B. Ethical Design Sprints), aber auch an grundsätzlichen Haltungsfragen. Schulen – und Bildungsinstitutionen insgesamt – werden mehr und mehr als Transmissionsriemen in Fragen der Gestaltung von Gesellschaft wahrgenommen, nicht nur als Empfänger vorgegebener (und teils nicht ausdiskutierter!) gesellschaftlicher Erwartungen. Dirk von Gehlen wies darauf hin, dass Fake News hauptsächlich von Männern über 60 verbreitet würden, die man über Bildungsprozesse nicht mehr erreicht. Es muss also weit vorher die Konfrontation mit anderen Perspektiven als grundlegende Aufgabe von Schule und Gesellschaft geschehen, gleichzeitig Ambiguitätstoleranz und der Umgang mit Graubereichen eingeübt werden. Zentrale Verhandlungszone sind die Bildungsinstitutionen.

Warum gelingt uns dies manchmal in Deutschland nicht so gut? Dirk von Gehlen meint, die aktuelle Nostalgie, die man vor allem in der Medienbranche spürt, rühre daher, dass man in den 90ern noch Geld verdient habe, und sich die Rahmenbedingungen nun grundlegend geändert hätten. Man sei vielleicht im Westen insgesamt zu satt geworden. Übertragen auf den Bildungsbereich geht es sicherlich vielen Lehrerinnen und Lehrern ebenso, dass ihre Kompetenzen gefühlt entwertet werden, und von ihnen eine Reaktion auf den Leitmedien- und damit auch Paradigmenwechsel erwartet wird.

Es bleibt sicherlich die Aufgabe, Menschen in Bildungsinstitutionen zu stärken, Ihnen zu verdeutlichen, dass Ihre Perspektiven sehr wertvoll für auch grundlegend veränderte Lernsettings sein können und auch sein werden. Und dass es gleichzeitig notwendig ist, dass man sich bewegt, damit Schule und auch bestimmte gesellschaftliche Werte, die uns gemeinsam wichtig sind (oder sein sollten?) nicht an Relevanz verlieren.

Packen wir’s an.

Hier geht es übrigens noch zum offiziellen Bericht. Angeblich soll die Vorträge dann in Kürze auch noch als Video geben. Es lohnt sich.

 

Jöran ruft an – Weiterführende Informationen

Friedemann Stöffler und ich waren zu Gast beim Podcast-Format „Jöran ruft an“. Die letzte Frage war: „Wo findet man weiterführende Informationen zum Thema?“

Hier ein paar Vorschläge:

Technik im Klassenzimmer: Warum ich wieder unsicher bin

Technik im Klassenzimmer: Warum ich wieder unsicher bin

Wie bereits angekündigt folgt hier ein kurzer Blogbeitrag dazu, warum ich wieder zweifle, was die aktuell angemessene technische Ausstattung ist. Als Antworten auf diesen Tweet unten kamen Bestätigungen, aber es bestätigten sich für mich auch alle Befürchtungen in Bezug auf diese Frage. Warum, versuche ich hier zu erläutern.

 

Was mir klar ist

Am Anfang steht die Frage, wie Unterricht – oder besser: das Lernen – sich weiterentwickeln (soll). Alle technischen Entscheidungen könnten auf dieser Frage basieren. Aber einfache, funktionierende Lösungen ermöglichen auch neues Denken. Es gibt aber auch einige Basics, wenn man es mit der Weiterentwicklung ernst meint:

  1. W-Lan
  2. Eine Projektionsfläche
  3.  Eine 1:1-Ausstattung bei Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern (keine „Utopie“-Rufe, bitte, ich sehe hier kurz- bis mittelfristig keinen Diskussionsbedarf mehr)
  4. Eine einfache Möglichkeit, Ergebnisse von den Einzelgeräten drahtlos zur Projektionsfläche zu schicken.
  5. Offenheit der Struktur: Nicht nur Apple, nicht nur Windows, nicht nur Android; alles muss möglich sein
  6. Interactive Whiteboards sind im Verhältnis zu teuer und zu unflexibel.
  7. Visualiser / Dokumentenkameras sind als Übergangstechnologie bald überflüssig.

 

Wo ich mir unsicher bin

  1. Sollten wir wirklich auf Lösungen mit großen (Touch-)Bildschirmen setzen, die seitliche Flügel zum spontanen Anschreiben haben? Keine der aktuellen Lösungen überzeugt mich hier, teilweise ist die Software elend langsam oder die drahtlose Verbindung zu den Geräten läuft nicht zuverlässig.
  2. Brauchen wir nicht vielmehr alles und immer? Große Whiteboard-Flächen, die man mit Stift beschreiben kann, eine Projektionsfläche (nicht notwendigerweise zentral), alles möglichst flexibel
  3. Haben Beamer wirklich ausgedient und werden jetzt durch Bildschirme ersetzt? Hat mal jemand die mittelfristigen Kosten berechnet?

 

Warum ich zweifle

Wir haben gerade in den Testräumen folgende Ausstattung:

  • Klassische Kreidetafel mit Flügeln
  • W-Lan
  • Beamer mit Stereoboxen und HDMI-Switch
  • Am HDMI-Switch: Laptop, Dokumentenkamera, Apple TV, Microsoft Wireless Adapter, alles fest montiert in/an einem kleinen Schränkchen
  • Projektionsfläche neben der Tafel, tendenziell zu klein
  • In den Projektklassen 1:1 Ausstattung der Schülerinnen und Schüler

Diese Installation ist sehr aufwändig, zudem stauben die Beamer durch Kreide im Laufe der Zeit zu. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Modell einfach genug ist („Was nicht einfach geht, geht einfach nicht“).

Wenn entweder Projektionsfläche oder Whiteboard (kein IWB) an die Seite wandern, hätten wir evtl. eine Struktur, die die Tendenz zur Frontalsitzordnung aufbricht und als Rahmen die Unterrichtsstruktur beeinflussen könnte.

Was meint Ihr?

 

 

 

 

 

 

Warum ich Schulentwickler bin: Persönliche Hintergründe zum Buch „Die agile Schule“

Warum ich Schulentwickler bin: Persönliche Hintergründe zum Buch „Die agile Schule“

Dieser Artikel ist ein sehr persönlicher Kommentar zu unserem gerade erschienenen Buch: Die agile Schule – 10 Leitprinzipien für Schulentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung.

 

 

 

Hier ist es bestellbar (aber natürlich auch über die üblichen Kanäle)
Inhaltsverzeichnis
Musterseite zum Leitprinzip: Alles Gute kommt von unten

 

Als ich nach dem Referendariat 2008 voller Tatendrang an das Evangelische Firstwald-Gymnasium in Mössingen wechselte – eine bewusste Entscheidung, angesichts der erlebten Offenheit im Bewerbungsgespräch und in der Gebäudegestaltung – fand ich Strukturen vor, die stark vom Schulleiter Helmut Dreher und vom Abteilungsleiter für Schulentwicklung, Friedemann Stöffler, geprägt waren: Irgendwie wirkten alle so motiviert und voller Tatendrang, so positiv und engagiert und es gab im Kollegium praktisch keine Grüppchenbildung. Wer etwas verbessern wollte, durfte fast immer einen Vorschlag machen oder die Optimierung selbst angehen. 

Besuch von der Schulpreiskommission
Lange Zeit verstand ich nicht, warum diese Grundhaltungen so ausgeprägt waren, auch noch nicht, als ich bereits nach 1,5 Jahren an dieser Schule in den Bereich „Schulentwicklung“ einstieg. Ich wurde zuvor gefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Ich war so jung, dass ich den Gehaltssprung (auf A14), der mit dieser Aufgabe verbunden war, rechtlich noch nicht mitmachen konnte. Aber das war mir egal. Es schwante mir zum ersten Mal wohl im Rahmen des Bewerbungsprozesses zum Deutschen Schulpreis 2010, was an dieser Schule gut lief. Gegenüber der Kommission, die uns besuchte, formulierte ich dann auch: „Ich kann mich als junger Kollege hier jederzeit einbringen, Ideen werden wertgeschätzt und gefördert, und es wird darauf vertraut, dass es gelingen wird.“

Kollegialer, aktivierender Führungsstil
Im Laufe der Zeit wurde mir dann bewusst, dass die Art der Führung der Schule eine Schlüsselrolle spielt(e). Diese fußte auf Grundhaltungen, die vom Schulleiter zwar theologisch begründet wurden (Martin Buber: Ich und Du), aber genauso in der modernen Management-Theorie zur agilen Führung vorkommen würden. Gemeint sind die Orientierung am Menschen, die Begegnung auf Augenhöhe nicht nur als Worthülse, das geschenkte Vertrauen, die Bereitschaft zur Delegation auch sehr bedeutsamer Aufgaben, die Betonung der Gemeinsamkeit, die Offenheit für Neues, der Mut zum Risiko und zum Ausprobieren („Prototyping“) uvm.

Es gab und gibt ein Schulleitungsteam, das mit insgesamt sechs Personen für so eine kleine Schule vergleichsweise breit aufgestellt ist; und in diesem Team saßen auch der Abteilungsleiter für Schulentwicklung, Friedemann Stöffler, und später auch ich selbst in der gleichen Rolle.

Schulentwicklung lernen
Von 2009-2014 arbeiteten dann Friedemann und ich gemeinsam und dialogisch als Schulentwickler. Ich habe in dieser Zeit sehr viel lernen dürfen, denn 2010 folgte der Schulpreis für unsere Schule für eben diesen Bereich – Schulentwicklung – und plötzlich war unsere Schule im Fokus der Öffentlichkeit und der anderen Schulen; wir hatten Hospitantinnen und Hospitanten an unserer Schule und besuchten auch selbst regelmäßig andere Schulen für Entwicklungsideen. Andere Menschen sagten uns, was bei uns gut lief, und wir lernten unsererseits viele Schulen kennen.

Auch das Projekt Abitur im eigenen Takt stand sinnbildlich für die bereits erwähnten Haltungen: Man versucht aus Idealismus eine Reform des Bildungswesens auf höchster Ebene (KMK). Die Idee ist, dass Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, ob sie die Kursstufe in zwei oder drei Jahren absolvieren – und die Leistungen aus drei Jahren sollen dabei anerkannt werden können. Bis heute gibt es zwar einerseits keine offizielle Genehmigung für diese Idee, aber die Reformideen zur Neuen Oberstufe, die Umsetzung freier Lernangebote (LeAs) am Firstwald, das Innovationslabor G-Flex der Deutschen Schulakademie uvm. deuten darauf hin, dass sich Elemente davon im Sinne der Schülerinnen und Schüler dennoch Bahn brechen werden.

Ich persönlich habe im Schullabor zum Projekt Abitur im eigenen Takt gelernt, was es bedeutet, intensiv mit anderen Schulen an pädagogischen Fragen zu arbeiten, was es bedeutet, deutschlandweit Vorträge zu bildungspolitischen Fragen zu halten um seine Ziele zu erreichen, wie größere bundesweite Tagungen organisiert werden und worauf es beim Projektmanagement ankommt, und auch, dass eine Aufgabe nicht immer nur Energie kostet, sondern im Gegenteil auch Energie geben kann, auch wenn sie viel Zeit in Anspruch nimmt.

Leitprinzipien der Schulentwicklung
Für unsere Hospitationsgäste stellte Friedemann Stöffler dann irgendwann einmal eine Liste von Dingen auf, die ihm in Schulentwicklungsprozessen wichtig sind. Viele von diesen Prinzipien haben es jetzt auch in die Aufzählung in unserem Buch geschafft. Ich habe mir diese Liste damals ausgedruckt und direkt neben meinen Schreibtisch gehängt, als ich die Aufgabe als Abteilungsleiter für Schulentwicklung im Jahre 2014 von Friedemann übernahm, der seinerseits danach den Ganztagesbereich an unserer Schule gestaltete. Ich spürte die Verantwortung für diese Nachfolge und es tat gut, von Friedemann zu hören, dass ich mir das erste Jahr nehmen solle, um in dieser neuen Aufgabe anzukommen.

Erste Projekte waren dann auch eher der Nachhaltigkeit gewidmet, z. B. getroffene Entscheidungen des Kollegiums neu zu durchdenken und inhaltliche Struktur aufzubauen. Aber bereits 2015 stand die Schlussklausur des Schuljahres unter dem Motto: „Werkstätten – große und kleine Baustellen angehen“, unser erstes Barcamp an der Schule. Der Einsatz dieser Methode, sicherlich kennengelernt im Twitterlehrerzimmer bzw. ganz konkret über ein EduCamp, zeigte, wie Form und Inhalt, wie die Ideen der Leitprinzipien und die konkrete Arbeitsweise ineinandergreifen können.

Das Projekt „Zeitgemäß Lernen“ und die Leitprinzipien
Im Jahr 2016 startete dann mit einem Kick-Off der Prozess „Zeitgemäß Lernen“, der bis heute zum Ziel hat, den Unterricht, ja die Schule insgesamt, neu und zügiger auszurichten an den Anforderungen der Gesellschaft, aber vor allem Schülerinnen und Schüler zu befähigen, diese nicht nur zu erfüllen, sondern aktiv und mündig mitzugestalten. Dieser Prozess wurde in diesem Blog ausführlich begleitet.

Und auf einmal waren sie alle in der Anwendung, diese Leitprinzipien. Ohne es zu Beginn zu merken wurde der gesamte Schulentwicklungsprozess durch sie organisiert und geprägt; ich hatte sie verinnerlicht, nein, wir hatten sie verinnerlicht: Mein Schulentwicklungspartner Michael Hirscher, der IT-Verantwortliche Philipp Reitter und das gesamte Schulleitungsteam. Schon sehr früh war so klar für uns als Schule, dass wir das Thema „Digitalisierung“ als Schulentwicklungsprozess behandeln würden, nicht als Digitalisierungsprozess. Es war undenkbar geworden, von „Tabletklassen“ zu sprechen (wir haben ja auch keine „Heftklassen“), unreflektiert teure interaktive Whiteboards anzuschaffen (wir haben bis heute kein einziges) oder auch nur diesen Weg als Schule alleine zu gehen, ohne uns mit anderen Schulen auszutauschen oder von ihnen inspirieren zu lassen.

Haben wir auch Fehler im Prozess gemacht? Aber sicher, sehr viele; vor allem haben wir die Leitprinzipien vermutlich manchmal besser nach außen als nach innen kommuniziert.

Dankbarkeit und Inspiration
Für alle diese Erfahrungen bin ich dem Firstwald-Gymnasium mit seinem Träger, seinem Schulleiter Helmut Dreher, seinem ehemaligen Schulentwickler Friedemann Stöffler und dem gesamten Kollegium in all seiner Offenheit für Veränderungen unendlich dankbar. Mit dem Buch „Die agile Schule“ liegt das Fazit dieser fruchtbaren Zusammenarbeit vor, in der Hoffnung, dass die Ideen darin vielen Schulen im deutschsprachigen Raum weiterhelfen mögen, indem sie einerseits neue Wege im Denken aufzeigen, andererseits aber vielleicht auch Reibungen hervorrufen, denn diese erzeugen ja bekanntlich immer Wärme und setzen Energie frei.

Viel Vergnügen bei der Lektüre und viel Erfolg beim Weg hin zu einer (noch) besseren Schule, die den wunderbaren Menschen, die sie besuchen (müssen) gerecht wird.
 

 

 

Kollegien im Austausch (für zeitgemäße Bildung)

Kollegien im Austausch (für zeitgemäße Bildung)

Netzwerke für den Austausch von Schulen, sogar ganzer Schulen, gibt es viele, z. B. „Blick über den Zaun“ oder die Aktivitäten der Deutschen Schulakademie. Austausch auf individueller Ebene gibt es innerhalb des Kollegiums, aber auch auf Großevents wie „WES 4.0“ uvm.

Aber was ist, wenn man ein Bild der nötigen Veränderungen im Bildungsbereich entwickeln möchte? Wenn man dazu größere Teile des Kollegiums mitnehmen möchte? Wenn es dann auch um Haltungen geht?

 

Zwei Gymnasien kooperieren

Wir haben uns aufgemacht und uns mit einer Schule verabredet, die seit mehreren Jahren bereits mit Tablets im Unterricht arbeitet. Die Hälfte der Klassen dieser Schule hat diese Technik zur Verfügung, die andere nicht (Kleine Randbemerkung: Ich vermeide den Begriff „Tabletklasse“, weil wir 1. auch nicht von „Heftklassen“ sprechen und 2. die Reduktion auf die Technik genau unser Problem in den aktuellen Debatten ist). Wir arbeiten im Projekt „Zeitgemäß Lernen“ mit 1:1 Ausstattung. Insgesamt 18 Kolleginnen und Kollegen waren in ihrer Freizeit bei unserem Treffen.

Die jeweiligen Projektleiter/innen der beiden Schulen waren sich schnell einig, dass wir für diesen Kick-Off-Tag folgende Struktur brauchen:

  1. Gemeinsames Essen zu Beginn
  2. Kurze Einführung (Überblick über Konzeptionen)
  3. Lange eingeständige Arbeitsphase in Fachgruppen
  4. Kurzes gemeinsames Fazit

Es fehlten krankheitsbedingt einige Technik-Freaks auf beiden Seiten, was für das Treffen vielleicht sogar hilfreich war. Es ging viel um pädagogische Fragestellungen, aber nicht im Sinne von „Pädagogik vor Technik“, sondern im Sinne von: „Schule neu denken“.

 

Erkenntnisse bzw. Bestätigungen bisheriger Gedanken aus dem Treffen

  • Wir müssen für eine neue Lernkultur Räume neu denken
  • Gute Schülerinnen und Schüler nutzen die Chancen der neuen Technologien um sich zu verbessern, und das auch über die klassischen Unterrichtsziele hinaus. Die Schere in der Leistung geht aber dadurch auch weiter auf. Wie unterstützen wir leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler, damit dies nicht passiert?
  • Fremdsprachen als Fächer werden aufgebrochen durch die Möglichkeiten der Algorithmen von DeepL. Viele offene (wünschenswerte) Prüfungsformate funktionieren nicht mehr. Die Fremdsprachen entwickeln hin zu Fächern, die auf Lebenspraxis und Kulturvermittlung mehr wert legen.
  • Unter den Rahmenbedingungen der Digitalität wird Pädagogik neu gedacht. Der Schwerpunkt liegt häufiger auf offenem Arbeiten (z. B. Portfolio-Arbeit). Dabei gibt es Ängste bzw. fehlendes Vertrauen in die Ergebnisse, gerade im Vergleich zur klassischen Unterrichtsstruktur. Wie schulen wir Verantwortung, wie gehen wir mit den Bedenken in Kollegien um?

 

Wir haben uns vorgenommen, uns in großer Runde wieder zu treffen, und zwar unter einem Themenschwerpunkt (voraussichtlich „Selbstorganisiertes Lernen“)

 

 

 

Was zeitgemäßes Lernen (nicht) ist

Anselm Grün schreibt in seinen vielfältigen Publikationen zu Führungsfragen: Wir sollten nicht von Veränderung (des Lernens) sprechen, sondern von Verwandlung. Der letztgenannte Begriff steht für die Wertschätzung des bisherigen.

Zeitgemäßes Lernen ist für mich NICHT:

  • Einfach Technik in die Klassen („Tabletklassen“)
  • Edubreakouts (Hier wird ja ein vorgegebener Weg gamifiziert)
  • Flipped Classroom
  • Kahoot, Quizlet und Co
  • Arbeitsblätter in OneNote bereitstellen bzw. ausfüllen lassen
  • Prüfungsformate unverändert lassen und den Rest verändern

Alle diese Lernformen bzw. Ansätze haben auch ihre Berechtigung für einen bestimmten Zweck (v. a. Reproduktion), daher soll das auch nicht als Kritik an der Verwendung verstanden werden, aber eben nicht zur Weiterentwicklung des Lernens.

 

Zeitgemäßes Lernen ist für mich:

  • Projektorientiert (Kommunikation, Kollaboration)
  • Orientiert an Schülerinnen und Schülern
  • Problemorientiert (Kritisches Denken, Kreativität)
  • Die Arbeit an (übergreifenden) Themen zur gesellschaftlichen Transformation
  • Netzwerke zu verstehen und zu nutzen
  • Die Trennung zwischen informellem und formellem Lernen aufzuheben (siehe LeA-System am Firstwald-Gymnasium Mössingen)
  • Den Lernprozess zu reflektieren und in der Beurteilung berücksichtigt zu sehen

 

Wenn man einer Kollegin oder einem Kollegen, die/der bereits seit vielen Jahren projektorientiert arbeitet, sagen kann, dass ihre/seine Arbeitsformen zeitgemäß sind, dann gelingt der Transformationsprozess auch leichter. Denn dann ist die Technik (zunächst) keine Hürde bei der Weiterentwicklung des Unterrichts.

Ein guter Kompromiss zwischen behutsamer Weiterentwicklung des bisherigen Systems und aber auch phasenweise ganz neuen Ansätzen ist das Modell „Deeper Learning“ von Anne Sliwka, das an anderer Stelle ausführlich beschrieben wird.

 

Lernforum „Schule leiten, gestalten und entwickeln“ (Schulakademie)

IMG_2416.jpegDas Regionalbüro Süd der Deutschen Schulakademie veranstaltete am 25.06.2019 in Kooperation mit der Heidelberg School of Education (HSE) eine Fortbildung zum Thema „Schule leiten, gestalten und entwickeln.“ Das Programm hier weiterhin hier abrufbar. Da ich selbst zusammen mit Anne Sliwka einen Workshop zum Thema „Lernkultur der Oberstufe“ hielt, kann ich nur die Eindrücke von der Keynote, aus den Pausen und aus unserem eigenen Workshop wiedergeben.

 

Keynote
Im Keynote-Vortrag von Kai Maaz, Direktor am DIPF, wurde ein Potpourri an Elementen zu erfolgreicher Schulentwicklung präsentiert. Besonders hervorzuheben ist, dass er die Beteiligung von Eltern (und auch Schülerinnen und Schülern?) als sehr wichtiges Element darstellte. Der Fokus des Vortrags lag aber m. E. auf einem Plädoyer für datengestützte Schulentwicklung. Man merkte dem Vortrag zweierlei an:
  1. Maaz kein Mann der Schulpraxis, wie er auch selbst unumwunden zugab. Er denkt in Strukturen klassischer Organisationsentwicklung mit dem Aufwand wie in 2. ersichtlich.
  2. Die Vorschläge erinnerten an die Zumutungen für Schulen, die mit externer Evaluation oder Vergleicharbeiten enorme Datensammlungen an Schulen verplichtend machten, ohne dass die Schulen selbst wirklich davon profitieren konnten (vgl. dazu auch die Bemerkung von Hans Anand Pant).
Und so entfaltete sich im Plenum auch durchaus scharfe Kritik. Schulpraktiker wünschen sich ja durchaus Instrumente zur einfachen Diagnose im Unterricht, auch zur Überprüfung von Schulentwicklungsprozessen. Allein sie fehlen, und auch Herr Maaz als Vertreter der Wissenschaft fühlt sich dafür nicht verantwortlich.
Es wurde erneut deutlich: Solange es kein Forum zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis gibt und die Politik auf Basis dieses gesammelten Expertentums Bildungspolitik steuert, werden wir noch an viele solcher Grenzen stoßen. Aus der Praxis Gewünschtes wird von der Politik nicht gesehen und von der Wissenschaft nicht gehört weil nicht finanziert. Ähnliche Prozesse finden übrigens auch auf anderen Felder der Digitalisierung statt, zum Beispiel beim Thema Datenschutz oder bei der Bereitstellung von Plattformen (vgl. das Scheitern von Logineo, EllaBW oder den Entwicklungsstand und die Praxisferne der HPI Schulcloud).
Maas selbst befürwortet übrigens sogenannte „Katalysatoren“ in den Schulen. Damit meint er Lehrkräfte, die die Zeit haben, den Kontakt zur Wissenschaft zu halten und für die Vermittlung zwischen beiden Welten zu sorgen. Ich bin skeptisch, weil diese Struktur sehr nach der Einbahnstraße „Wissenschaft => Schule“ klingt und nicht für einen Austausch auf Augenhöhe sorgt. Es braucht hier sicher mehr, echte, finanziell unterstützte Kooperation.

 

Workshop: Lernkultur in der Oberstufe
In unserem Workshop zur Lernkultur in der Oberstufe setzten Anne Sliwka und ich die Veränderungen, die die Digitalisierung für die Lebens- und Arbeitswelt bedeutet, voraus, und versuchten daraus konkrete Vorschläge zu Veränderung der Lernkultur in der Oberstufe, aber auch insgesamt, abzuleiten.

 

Veränderung in der Lebens- und Arbeitswelt
Entwicklung von „KI“ und neuronalen Netzen, Entwicklung der Robotik, neue Lernerfahrungen in der Lebenswelt Jugendlicher (Gamification, Nicht-Linearität der Inhalte, formelles vs. informelles Lernen) am Beispiel eines YouTube-Videos und die daraus folgende Problematik des Upskilling. Routinetätigkeiten, auch komplexere, werden über kurz oder lang automatisiert sein, dazu gehören Buchhaltungsjobs, Bankangestellte, Autoverkäufer uvm. Es gibt eine Zunahme an Jobs in den Bereichen „Umgang mit neuartiger Information“ und „Umgang mit unstrukturierten Problemen“ (Bsp. Manche Krebsformen sind nicht heilbar, hier wird eine Lösung gesucht).

 

Herausforderungen für Schule und Unterricht: Neue Lernkultur
Die Frage ist nun, ob wir tatsächlich, wie Jack Ma, der Chef von Alibaba, bei seiner legendären Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 gefordert hat, den Schwerpunkt des schulischen Lernens auf diejenigen Bereiche legen sollten, die Computer nicht erledigen können (Kunst, Sport, Teamwork, Kritisches Denken etc.), also quasi auf Komplementarität setzen. Probleme wurden darin gesehen, dass wir uns damit erstens von der technischen Entwicklung abhängig machen würden, und zweitens komplexe Problemlösungen häufig nur auf einer Basis umfassenden Wissens gefunden werden, die Fachlichkeit also auch die Voraussetzung für die vielzitierten 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, Kritisches Denken) ist.
Der Ausgangspunkt der weiteren Überlegungen war ein Schulentwicklungsprozess am Evangelischen Firstwald-Gymnasium Mössingen, bei dem bei einer Kick-Off-Tagung zu „Unterricht und Bildungszielen im Jahr 2025“ gemeinsam mit Eltern und Schülerinnen und Schülern überlegt wurde, wie die Schule darauf reagieren sollte.
Das Ergebnis waren eine komplexe Übersicht, die an anderer Stelle auf diesem Blog bereits besprochen wurde. Schwerpunkte zur Weiterentwicklung war der Fokus auf dem „Forschenden Lernen“, das Neugier weckt. Ebenfalls wurden Lehrer- und Schülerrolle neu definiert und als letzter Schritt eine Unterrichtsstruktur vorgeschlagen, die sich in diese Bereiche zusammenfassen lässt: Recherche – Produktion – Präsentation – Evaluation/Reflexion. Interessanterweise war diese Struktur genau die gleiche, die auch Anne Sliwka in ihrer Arbeit für Deeper Learning vorschlägt.

 

Deeper Learning
Anschließend stellte Frau Sliwka ihr Modell des Deeper Learning vor, nicht ohne zu erwähnen, dass der Begriff „Deeper Learning“ durchaus leicht unterschiedlich verwendet wird, unbedingt aber vom „Deep Learning“ (vgl. auch DeepL) abzugrenzen sei. Das Modell ist an anderer Stelle viel besser beschrieben, ebenso konkrete Unterrichtsbeispiele dazu. Es ist unbedingt einen Blick wert, nicht nur für die Strukturierung des Unterrichts in der Oberstufe.

 

Fazit
In der Diskussion zu dem Impulsen wurde deutlich, dass wir es vermeiden sollten, permanent künstliche Gegensätze in der Weiterentwicklung der Lernkultur aufzubauen. Dazu gehört, dass die Digitalisierung selbstverständlich Chancen zur Individualisierung bietet, aber ebenso zur Kollaboration – oftmals werden diese Pole gegeneinander ausgespielt.
Eine starke fachliche Basis muss zudem die Grundlage sein für eine Kollaboration, die wirklich eine Forschungsaufgabe mit problemorientierter Fragestellung darstellt.
Ein Fazit zur Veranstaltung: Wo, wenn nicht in solchen halb-privat organisierten Foren findet derzeit der Austausch zwischen Wissenschaft und Schulpraxis statt? Hier müssen wir in Deutschland noch viel besser werden, wenn wir unser Bildungssystem wirklich innovativ aufstellen wollen.
(Wird noch mit Feedback der Teilnehmer überarbeitet)