Session zum Fach „Mensch und Medien“ beim Barcamp Bad Wildbad (Juni 2019)

Das Land Baden-Württemberg tut was für innovative Menschen im Bildungssystem. Im halbjährlichen Takt wird an der Landesakademie Bad Wildbad ein Barcamp angeboten, zu dem namhafte Referenten eingeladen werden (dieses Mal Philippe Wampfler und Marina Weisband). Das nächste Barcamp findet übrigens am 13.-15.12.2019 statt, wer es sich vormerken möchte.

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Darstellung von Wibke Tiedmann

Die Nachlese ist bei Twitter unter #wildcampen19 möglich, aber auch über ein Padlet.

 

Unser Beitrag war dieses Mal die Vorstellung unseres Profilfachs „Mensch und Medien„, 2004 als Profilfach eingeführt (mit vom Kultusministerium genehmigten Bildungsplan) und als Alternativangebot zu Naturwissenschaft und Technik (NwT) gedacht. Der Bildungsplan und weitere Infos sind unter der Verlinkung oben abrufbar. Ein Profilfach ist prinzipiell ein Fach, das nicht von allen Schülerinnen und Schülern gewählt wird, sondern als Vertiefung angeboten wird, bei uns mit je 3 Std. wöchentlich in den Klassen 7-10.

 

Das Fach Mensch und Medien

Das Fach ist so aufgebaut, dass in jeder Klassenstufe 5 Dimensionen zum Tragen kommen:

  1. Technik
  2. Hören und hörbar machen (Radio, Hörspiel, Podcast)
  3. Sehen und sichtbar machen: Video und Bild
  4. Text und Layout
  5. Kommunikation
  6. In Klasse 10 zusätzlich: Vernetztes Arbeiten und Anwenden

2004 waren die klassischen Massenmedien natürlich auch hauptsächlicher Teil des Medienbegriffs, es gab noch kein Facebook und kein iPhone. Im Laufe der Zeit wurde das Curriculum daher auch immer weiter ergänzt bzw. erneuert und immer mit aktuellen Beispielen verknüpft. Phänomene wie die Böhmermann-Affäre, Social Bots, Echokammer, Fake News, Cyberüberwachung, KI, Cyber-Mobbing oder Memes werden tagesaktuell eingebaut.

Folgender Absatz sinngemäß aus einer Beschreibung eines Kollegen: Da es aber auch das Ziel des Fachs ist, die „Schülerpersönlichkeit so zu stärken, dass daraus eine intelligente Nutzung der Medien zum Wohle der Menschen und in Verantwortung für unsere Welt wahrgenommen werden kann“, kann es auch das Gebot sein, eben nicht immer am Puls der Zeit zu sein, sondern manchmal einfach auch ganz althergebracht Recherche zu erlernen, um Fake News zu erkennen und selbst keine zu produzieren; Memes in einen größeren kulturgeschichtlichen Rahmen (Emblemata) einzuordnen und sie dann bewusst (!) mit eigenen Bildern oder Videos einzusetzen; die realen zerstörerischen Auswirkungen des Cybermobbing darzulegen und eine echte Auseinandersetzung damit zu führen – Beziehungsarbeit kommt vor Technologie.

 

Was müssen alle wissen, was leistet das Profil?

Wir kamen im Rahmen unseres Projekts „Zeitgemäß Lernen“, das das Lernen und die Unterrichtsentwicklung in Zeiten der Kultur der Digitalität in den Blick nimmt, an den Punkt die Frage zu stellen, bis zu welchem Grad die Inhalte und Methoden unseres Profilfachs für alle Schülerinnen und Schüler relevant geworden sind und worin die Neuausrichtung dieses Fachs dann besteht.

 

Ergebnisse der Session

In der Session beim Barcamp in Bad Wildbad kamen auf dieser Basis folgende Fragen und Ideen auf (unsortiert):

  • Könnte es ein neues Ziel des Fachs sein, die Kultur der Digitalität wirklich zu durchdringen und dann mithilfe von Zertifikaten Medienscouts auszubilden, die in die Schule hineinwirken?
  • Professionalisierungsgrad neu denken: Wenn die Qualität einer Video/Ton/Bild-Aufnahme nicht mehr das entscheidende Kriterium in der vernetzten Welt ist, sondern die Verbreitung/Vernetzung, sind dann diese alten Ansprüche an Videoschnitt etc. noch notwendig?
  • Könnte es sinnvoll sein, auch in der Produktion einen Vergleich vorzunehmen zwischen den beiden Paradigmen: Video für das TV vs. Video für das Netz?
  • Welche Rolle spielen bisher implizite vs. explizite Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Instagram oder bei Snapchat (Stichworte: Codierungen in Bildern, Ghosting uvm.)
  • Sollte man die Erstellung einer Internetseite noch erlernen? Oder ist diese Fähigkeit inzwischen weitgehend irrelevant für die Zielsetzungen des Fachs?
  • Wie kann die Öffnung in Richtung Kommune, aber auch global (vgl. Keynote von Marina Weisband) besser gelingen? Dieses Fach hätte die zeitlichen Ressourcen dafür.
  • Wie viel Arbeit noch mit Texten in einer „Post-Text-Gesellschaft“?
  • Welche Rolle können die Schülerinnen und Schüler in der Professionalisierung dieses Fachs spielen? Wie erfolgt die Verknüpfung von aktuellem technischen Know-How (eher Schülerinnen und Schüler) und der reflexiven bzw. historischen Ebene (eher Lehrerinnen und Lehrer)?

 

Vielen Dank an die Teilnehmer der Session, vor allem an Adriane.

 

 

Was Schulen für zeitgemäßen Unterricht wirklich brauchen

Hier meine aktuelle Kolumne für das „Deutsche Schulportal“. Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrerinnen und Lehrer sollten sich nicht ihrer pädagogischen Kernkompetenz berauben, sondern diese im Gegenteil im Digitalisierungsprozess aktiv einbringen, damit nicht Technikunternehmen bestimmen, was und wie in Zukunft an Schulen unterrichtet wird.

https://deutsches-schulportal.de/stimmen/die-zukunft-der-paedagogik-darf-nicht-google-gehoeren/

 

 

(Eine) Diktatur des Datenschutzes

… herrscht im Bildungssystem, schrieb ich hier für das Deutsche Schulportal.

Ich freue mich schon auf Juristen, die mir vorwerfen, dass ich ein Grundrecht in Frage stelle. Das tue ich nicht, aber ich fordere eine Debatte über die Gewichtung von konfligierenden Grundrechten – hier: Datenschutz und Bildung.

Eine kleine Präzisierung: In der Einführung wirkt es so, als sei die Europäische Datenschutzgrundverordnung das Problem. M.E. löst diese viele Unklarheiten. Nun ist es an den Bundesländern, endlich den Schulen ein Arbeiten im digitalen Zeitalter zu ermöglichen, indem Datenschutz klar geregelt ist und Spielräume zum Arbeiten lässt. Dazu zählt auch, sich um Verträge mit Anbietern zu kümmern und dies nicht einzelnen Schulen aufzubürden.

Was mir als Lehrer wichtig ist (April 2018)

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Über die letzten 10 Jahre haben sich einige Prinzipien herausgebildet, die mir wichtig sind. Ich bin Lehrer, weil ich Schülerinnen und Schüler befähigen möchte, selbstständig Entscheidungen für ihr Leben zu treffen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen (auch im Sinne der Gestaltung der Gesellschaft). Ich möchte Lust machen auf die lebenslange Neugier, genannt das Lernen. Ich versuche möglichst oft aus diesen Floskeln Konkretes werden zu lassen.

(Diese Liste ist unsortiert, offen und wird bestimmt regelmäßig aktualisiert)

  1. Als Lehrer bin ich Vorbild für meine Zielsetzungen: Ich bin neugierig, gehe offen mit Nicht-Wissen um, gestehe Fehler ein, hole mir Feedback und hinterfrage mich selbst. Ich versuche, diese Entwicklungsbereitschaft in jede Stunde einfließen zu lassen. Es gelingt nicht immer.
  2. Fehler sind Lernanlässe: Es wird nicht akzeptiert, dass über Fehler der Mitschülerinnen und Mitschüler gelacht wird. Manchmal danke ich für bestimmte Fehler.
  3. Im Klassenzimmer herrscht eine konstruktive Feedbackkultur. Jede Leistung (auch meine eigene) muss sich einem kritisch-konstruktiven Feedback stellen, wobei die „Schatzsuche“ nach guten Aspekten immer am Beginn steht und die Kritik nur in Form von konkreten Verbesserungsvorschlägen geäußert wird.
  4. Unterrichtsplanung muss aus der Schülerperspektive erfolgen: Hätte ich als Schüler oder Schülerin selbst Lust darauf? Was würde mir daran Freude bereiten? Warum genau muss ich Notwendiges (und damit ggf. Langweiliges) machen? Was ist der Nutzen? Was hat der Inhalt mit meinem Leben zu tun?
  5. Jede Stunde muss sich der „so what?“-Frage stellen: Was soll das Ganze? Wofür ist das wichtig? Der Verweis auf den Bildungsplan reicht nicht.
  6. Beteiligung der Schülerinnen und Schüler bei der Themen- und ggf. sogar Methodenwahl ist unerlässlich. Das motiviert und ist gelebte Demokratie.
  7. Der Unterricht kann daher auch nicht Wochen im Voraus geplant werden, weil ich (noch) nicht weiß, wo wir vertiefen bzw. was noch gelernt werden muss und will.
  8. Der Bildungsplan ist wichtig und interpretierbar.
  9. Projekt- und produktbezogener Unterricht kann Kräfte in Schülerinnen und Schülern freisetzen, die jedes Mal begeistern.
  10. Die Leistungsbewertung ist nicht alleine Sache des Lehrers bzw. der Lehrerin: Es braucht immer eine Form der kriteriengestützten Selbstreflexion. Das Eigenurteil der Schülerinnen und Schüler hat eine Bedeutung und ist Teil der Besprechung der Noten.
  11. Zur Leistungsbewertung wird nicht allein das Ergebnis herangezogen, sondern ebenso (wo möglich) der Prozess dorthin.
  12. Wenn ich Schülerinnen und Schüler ernst nehme, dann vertraue ich ihnen: Sie brauchen daher nicht zu fragen, ob sie aufs Klo gehen dürfen; wenn sie zu spät kommen, gehe ich davon aus, dass sie einen guten Grund haben (den sie mir gerne am Ende der Stunde nennen dürfen, wenn sie das Bedürfnis haben).
  13. Wer die Hausaufgaben nicht hat, hat die Entscheidung für etwas anderes getroffen. Das ist grundsätzlich in Ordnung und hat keine disziplinarischen Folgen (allerdings ggf. sehr wohl für die kommende Klausur, weil die Übung fehlt). In der Zeit der Hausaufgabenbesprechung profitiert der- oder diejenige nicht von der Arbeit, verlässt das Klassenzimmer und holt die Arbeit dort nach und kann die Ergebnisse später vergleichen.
  14. Ich setze Signale, dass sich Anstrengung lohnt: Der Notenschnitt einer Arbeit wird grundsätzlich zweimal an die Tafel geschrieben; der Schnitt derjenigen, die freiwillig einen Text eingereicht haben oder sich anderweitig Feedback geholt haben, und der Schnitt der anderen.
  15. Ich bin grundsätzlich gut über verschiedene Kanäle erreichbar und helfe gerne. Am Wochenende und über manche Ferien habe ich auch einmal Kontaktpause. Auch das sollen Schülerinnen und Schüler lernen und für sich adaptieren.
  16. Ohne ein grundlegendes Verständnis über den Digitalisierungsprozess kann ich heutzutage nicht Gesellschaft verstehen und gestalten. Daher kommt dieser Themenkomplex in seinen Facetten häufig als Beispiel vor. Bis zu welchem Grad Programmierkenntnisse Voraussetzung dafür sind, darüber bin ich mir noch unschlüssig.
  17. Ich bin mir bewusst, dass sich meine Rolle als Lehrer derzeit radikal ändert: Vom Wissensvermittler hin zum Lerncoach, Vorbild als Lerner und Organisator von selbstbestimmten Lernprozessen. Als reinen „Lernbegleiter“ sehe ich mich derzeit nicht, dieses Bild vom Lehrer ist mir zu passiv.
  18. Ich bin überzeugt, dass Wissen als Orientierungswissen weiter eine große Rolle spielt, um selbstständig weiter zu lernen. Z. B. sind Fake News ohne Wissen gar nicht identifizierbar; ich fange gar nicht erst an zu recherchieren, wenn mir nichts komisch vorkommt.
  19. Schule ist zu oft defizitorientiert. Ich korrigiere immer auch in grün, um Positives hervorzuheben. Unsere Schülerinnen und Schüler können so viel; dies zu sehen stärkt sie.

(to be continued)