bookmark_borderVom Suchen und Finden der Spielräume

Baden-Württemberg kehrt als letztes Bundesland der alten Bundesländer zum G9 zurück. Und hätte von den Erfahrungen der anderen Bundesländer lernen können. Abgeschaut hat man sich die Stärkung der Medienbildung und die stärkere Profilierung im Bereich der Naturwissenschaften mit dem Fach Naturwissenschaft-Informatik-Technik (NIT).

Und sonst so? „Innovationselemente“ werden die Reformideen genannt. Hier ein bisschen Stärkung der Grundlagenfächer, da ein Sprinkler Demokratiebildung, ein bisschen Mentoring, eine ganze Stunde mehr Berufsorientierung in 9 Jahren. 

Von links nach rechts: Matthias Förtsch, Anne Sliwka, Jörg Droste Foto: Beate Armbruster

Rettungsringe gegen den Untergang

Um es klar zu sagen: Das sind Innovations-Elementarteilchen, wenn nicht sogar eher Rettungsringe eines Systems, das nicht mehr weiß, wie es den gesellschaftlichen Entwicklungen angemessen begegnen kann. Offene Prüfungsformen stehen unter KI-Druck, geschlossene Prüfungsformen verlieren zunehmend an Relevanz. Jedes Material, im traditionellen Unterricht ausgeteilt und bearbeitet, kann in Sekunden zusammengefasst und weiterverarbeitet werden. 

Wir stehen vor der großen Aufgabe, die Demokratie entweder zukunftsfähig zu machen oder ihr beim Untergang zuzuschauen. Wie gelähmt scheint die öffentliche Diskussion zu diesem Thema, und dennoch hat Schule die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu befähigen, aus diesem Zustand auszubrechen, zu gestalten, zu wirken. Etwas Klassenrat in den Klassen 5/6 oder ein Projektkurs Demokratie in Klasse 11 (also frühestens in 5,5 Jahren) scheinen da keine ernstzunehmenden Antworten zu sein.

Innovationskongress G9 (neu) als Leuchtturm

Da schien es angemessen, einen Kongress zur Zukunft des G9 (und des Abiturs) zu gestalten, der vor allem das Ziel hatte, Schulleitungen Mut zu machen. Organisiert hatte ihn die „Initiative Flexible Oberstufe“ unter der Leitung von Friedemann Stöffler, gefördert von Robert-Bosch-Stiftung und Heinrich Schmid, einem Unternehmer, der die Nöte des Bildungssystems sieht und seinerseits viele Initiativen gestartet hat, unter anderem seit Neuestem eine eigene Berufsschule. Zu Beginn durfte ich mit Prof’in Anne Sliwka von der Uni Heidelberg diskutieren, wie zukunftsfähige Prüfungsformate aussehen könnten. Sie brachte dabei verschiedene internationale Beispiele innovativer Schulen an, z. B. eine Prüfung mit der Mischung Grundlagenwissen, Anwendung und offener Teil mit KI-Unterstützung. Ich brachte die Perspektive einer Marchtaler-Plan-Schule ein, die mit den Elementen Morgenkreis, Freie Stillarbeit und Vernetzter Unterricht (mit Projektorientierung und Deeper Learning) schon stark auf die Entwicklung der Eigenverantwortung, das Setzen eigener Schwerpunkte und die Teamarbeit setzt. 

Schulleitungen als Visionäre und Regelbrecher?

Interessant war die im Vorfeld veröffentlichte Cornelsen-Schulleitungsstudie, in der sich fast 70% der Schulleitungen als Regelbrecher sehen, die zum Wohle der Schülerinnen und Schüler manchmal die Regeln brechen. Betrachte ich die Diskussionen auf Schulleitungsforen, muss ich darüber schmunzeln. Der Regelbruch besteht dann wohl zum Teil auch in der leicht verspäteten Abgabe der Schulstatistik. Aber Inspiration zu Größerem gab es auf dem Innovationskongress genug.

Regierung – Kultusverwaltung – Praxis

Am spannendsten war die Auseinandersetzung in den Workshops, unter anderem zwischen Vertretern der Regierungspolitik, dem Kultusministerium und den Schulleitungen in der Praxis. Hier wurde vor allem deutlich, dass die Kultusbürokratie auf Standards und Vergleichbarkeit mit den anderen Bundesländern drängt, und auf dieser Basis Schulen am liebsten klare Vorgaben machen würde. Auch die Direktorenvereinigungen bliesen in dieses Horn: Die Stundentafel solle bitte für alle Gymnasien einheitlich gestaltet sein, allerdings die Poolstunden flexibler einsetzbar sein. In der Praxis kam von Seiten der Kultusverwaltung als Ergebnis eine sehr einengende Vorgabe, die aber laut Regierung nicht den politischen Vorgaben entspricht. Hochranginge Politiker von Grünen und CDU verwiesen also darauf, dass die Schulen den Mut haben dürfen, etwas auszuprobieren, und sich im Zweifel auf sie persönlich zu berufen. Das fühlt sich mindestens schräg an: Die Kultusverwaltung hat ein Eigenleben, das die Regierung nicht steuern kann.

Stundentafelöffnungsverordnung – ein deutsches Zauberwort

Das Zauberwort der Stunde im G9 in Baden-Württemberg heißt dann auch Stundentafelöffnungsverordnung. Diese soll den Schulen die Spielräume geben, die sie brauchen, um innovative pädagogische Konzepte umzusetzen. Es dürfen zusätzliche Stunden für Fächer eingesetzt werden, Stunden weggelassen werden, in andere Stufen verschoben werden, zusammengelegt werden uvm. 

Mehr Mut: Freiräume werden oft nicht genutzt

Zieht man in Betracht, wie wenig Spielräume genutzt werden, die es bereits jetzt im System gibt, kann einem das zunächst keinen Mut machen. Auch das Beispiel Südtirols, das ich in diesem Blog bereits beschrieben habe, geht in eine ähnliche Richtung. Und dennoch: Je mehr Schulen Wege beschreiten wie die Alemannenschule Wutöschingen, die nicht nur die Art zu Lernen umgekrempelt, sondern die Lehrerarbeitszeit gleich mit reformiert hat, und zwar innerhalb des staatlichen Systems. Packen wir’s an – an möglichst vielen Gymnasien im Land. Die können jetzt zeigen, dass sie mehr können als bewahren.

bookmark_borderDie Kultusministerien und die KMK werden es nicht schaffen

Bildungsgipfel hier, KMK-Sitzung dort: Alle Arten der Zusammenarbeit zwischen Bildungsverantwortlichen werden nicht dazu führen, dass das deutsche Schulsystem zukunftsfähig aufgestellt wird. Was es stattdessen braucht.

Ein Bildungsgipfelchen mit Effekt

Der gescheiterte „Bildungsgipfel“ zwischen Bund und Ländern in der vergangenen Woche hat wenigstens eine Klarheit gebracht: Die Öffentlichkeit weiß jetzt genau, dass die Situation im deutschen Bildungssystem mehr als verfahren ist. Die Bildungsministerin lädt die Ländervertretungen in Sachen Bildung ein, es folgt eine kurze Debatte zu Zuständigkeiten und Art der Einladung, und dann kommt praktisch niemand. Vielleicht war es angesichts des dünnen Programms des Bildungsgipfels auch kein Verlust, und gerade diese Absagen führten zur größeren Debatte: Wie denn dann? Wie schaffen wir es, das Bildungssystem zukunftsfähig aufzustellen?

Bildungssystem in der Krise

Dass es das braucht, scheint gerade Konsens zu werden, was immerhin als Fortschritt gelten kann: Fast 50.000 Schülerinnen und Schüler jedes Jahr ohne Abschluss, Bildungsungerechtigkeit, viele Kinder Geflüchteter neu im System, Corona-Folgen, Lehrkräftemangel, Inklusionsbemühungen am Anfang… die Liste ließe sich beliebig fortführen.

All dies ist den Kultusministerinnen und -ministern natürlich bewusst – und dennoch verharren sie im Mikromanagement und im Verwalten. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Reaktion auf die Mahnung des Bundesverfassungsgerichts, das Abitur in seinen Anforderungen stärker aneinander anzugleichen, damit es beim Hochschulzugang nicht zu ungerecht zugeht. Es dauerte 5 Jahre, bis hier ein – wie üblich – kleinster gemeinsamer Nenner gefunden wurde.

Es ist auch nicht so, dass nicht auf Länderebene versucht wird, kreative Lösungen für die oben genannten und weitere Probleme zu finden. Manches bleibt dabei jedoch im typisch deutschen Zuständigkeitswirrwarr hängen: Der Bund gibt Geld für den Digitalpakt (nach Grundgesetzänderung), die Länder zahlen die Lehrkräfte, die Kommunen statten die Schulen aus und stellen das nicht-lehrende Personal. Außerdem sorgen sie für die Administration bei den Digitalpakt-Geldern.

Auch Lehrerverbände wie GEW, Philologenverband und andere bleiben bei ihren Forderungen auf der Mikroebene oder möchten die Schulstrukturdebatte oder die Frage G8/G9 immer neu aufwärmen. Die zentralen Fragen des Bildungssystems bleiben weitgehend unbeantwortet.

Die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats, der länderübergreifend für Qualitätsstandards an Schulen sorgen sollte, scheiterte bereits 2019, also schon in der Zeit vor der Pandemie, am Widerstand der süddeutschen Länder. Diese Einrichtung hätte nicht nur für gemeinsame Standards sorgen können, sondern im Idealfall auch für eine gemeinsame Vorstellung davon, in welche Richtung sich das Bildungssystem entwickeln könnte.

Bildung ist Chefsache

Und nun? Es wird immer deutlicher, dass es einen Befreiungsschlag braucht. Bildung muss zur Chefsache werden – und zwar auf Bundes- wie auf Länderebene. Die bisher Verantwortlichen sind gescheitert, und zwar über viele Jahre. Wie aber könnte dies gelingen? Zunächst einmal durch die Einsicht, dass es während Corona gelang, eine regelmäßige Konsultation aller Länder-Regierungen mit der Bundesregierung, und zwar auf oberster Ebene, einzurichten. Die Bilder der Videokonferenzen der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten und der Kanzlerin bzw. später dem Kanzler sind den meisten wohl noch präsent.

Ein Hearing zur Zukunft der Schule

In parlamentarischen Prozessen gibt es ein Mittel, mit dem sich Abgeordnete in den Fachausschüssen beraten lassen. Dabei werden verschiedene Interessengruppen, Sachverständige und Betroffene gehört und man verschafft sich ein gemeinsames Bild. Wie könnte so etwas aussehen?

Der Bundeskanzler und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten laden zu einem Bildungsgipfel ein, der über mehrere Tage geht, und zum Ziel hat, 10 gemeinsame Ziele für eine Bildungsvision zu entwickeln. Diese Ziele bilden dann den Rahmen für das bildungspolitische Handeln und werden auf den unteren Ebenen so operationalisiert, dass sie dann innerhalb von 5 Jahren umsetzbar und überprüfbar sind. Eingeladen werden:

  • Direkt Betroffene: Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schulleitungen (vorzugsweise solche, die bereits innovativ arbeiten, zum Beispiel in den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises oder an Brennpunktschulen)
  • Bildungsforscherinnen und -forscher
  • Ideengeber aus Ländern, die das Bildungsystem bereits weiterentwickelt haben (Australien, Kanada, Singapur…)
  • Weitere Interessenverbände, die die Zukunft der Gesellschaft in den Blick nehmen, aus Wirtschaft, Umwelt…

Lernen ist Chefsache

Die Regierungen aus Bund und Ländern zeigen so, dass sie bereit sind, für die erfolgreiche Steuerung des Bildungssystems selbst zu lernen. Oftmals wird ja gesagt, dass wir in Deutschland kein Erkenntnisproblem hätten, sondern ein Umsetzungsproblem (durch die oben genannte Zuständigkeitsblockade). In einem Hearing würde deutlich, dass es durchaus noch Erkenntnisprobleme gibt. In vielen Bereichen haben wir keine Daten, weil Transparenz und Vergleichbarkeit an der Kultushoheit der Länder kratzen würden (als Beispiel sei der Leistungsstand beim Abitur benannt, hier gibt es keine gemeinsame Grundlage).

Steve Jobs wird nachgesagt, dass er seinem ersten iPhone-Entwicklungsteam seinerzeit verbot, Menschen einzustellen, die bereits vorher an einem (Mobil-)Telefon gearbeitet haben, damit die Transformation in diesen Bereich gelingt. Vielleicht brauchen wir es im Bildungssystem nicht ganz so radikal, aber es könnte einen Versuch wert sein: Versuchen wir es für die Vision mal ohne die Kultusministerinnen und Kultusminister.

bookmark_borderDie Debatte um G8 oder G9 führt am Ziel vorbei

Hier geht’s zu meiner aktuellen Kolumne für das Deutsche Schulportal zum Thema „Flexibilisierung im Bildungssystem“, z. B. durch ein Abitur im eigenen Takt.

Wen es genauer interessiert: Die Beispiele stammen z. T. aus einem Vortrag von Frau Prof.’in Sliwka (Uni Heidelberg) auf der Tagung „Oberstufe neu gestalten – Bildung der Zukunft“ vom 4.04.2017, hier nachzuhören, und dem gemeinsamen Workshop von Frau Sliwka und mir anschließend.